Forsthaus Parnitz

Historisches Archiv

Dokumente, Fotos und Zeugnisse aus der Geschichte des Geländes — von den forstlichen Anfängen um 1900 über die DDR-Zeit bis zur Gegenwart. Das Archiv wird laufend erweitert.

Kaiserzeit & Weimarer Republik

Historisches 1906

Bau des Jagdhauses — die Anfänge des Forsthauses Parnitz

Das kleine Forsthaus ist das älteste erhaltene Gebäude auf dem Gelände — älter noch als das markante Jagdhaus. Es steht seit jeher im Dienst der Forstwirtschaft und diente als Wohnhaus des Forstaufsehers. Das zweigeschossige Jagdhaus mit seinen charakteristischen Gründerzeitfassaden entsteht nach mündlicher Überlieferung 1906 und prägt seitdem das Erscheinungsbild des Ensembles. Um 1930 kommen weitere Wirtschaftsgebäude hinzu — die Anlage nimmt ihre heutige räumliche Grundstruktur an.

Die Dübener Heide gehört damals zu den bedeutendsten Forstverwaltungsgebieten Preußens; Parnitz ist ein typischer Forststandort dieser Epoche: abgelegen, zweckmäßig gebaut, auf die Bedürfnisse einer aktiven Forstwirtschaft ausgerichtet.

Eigentümer vor 1945: Familie Dippe aus Bösewig

Bis 1945 gehörte das Gelände einem Herrn Dippe aus Bösewig (heute Ortsteil von Lutherstadt Wittenberg). Die gesamte Flur 7 war in seinem Besitz. Dippe bewirtschaftete das Anwesen weitgehend autark — er versorgte sich selbst. Im kleinen Forsthaus wohnte der von ihm angestellte Forstaufseher — nach Erinnerung von Herrn Kriechstock Alfred Kaps —, der die Waldflächen betreute; dazu gehörten Scheunen und weitere Wirtschaftsgebäude auf dem Gelände.

Bodenreform — und die Familie Kaps bleibt

Mit der Bodenreform 1945/46 in der Sowjetischen Besatzungszone wurde das Eigentum enteignet und ging in Volksbesitz über. Das Gelände war damit frei für eine neue, staatlich gelenkte Nutzung — zunächst als Jugendherberge, später als Pionierferienlager unter MfS-Trägerschaft.

Alfred Kaps blieb nach der Bodenreform als Revierförster in Parnitz; seine Familie zog 1947 aus dem Forsthaus Thielenheide ins alte Forsthaus Parnitz und betrieb dort einen Bauernhof — Ackerflächen, Stall, Scheune, Tierhaltung. Die Erinnerungen aus dieser Phase sind in einem eigenen Eintrag zusammengetragen (→ Familie Kaps 1947–1961). Die Familie blieb bis in die 1960er Jahre vor Ort; die Großmutter blieb noch unter der späteren MfS-Nutzung im alten Forsthaus wohnen. Heimatchronist Herbert Meyer erinnert sich darüber hinaus an einen Angehörigen der Familie, der in der Region als Lehrer und Organist in den Kirchen der umliegenden Gemeinden tätig war. Familie Kaps wohnt heute in Thielenheide; im Oktober 2021 besuchten Angehörige das Gelände und stellten historische Fotografien zur Verfügung.

Quelle: Erinnerungen von Herrn Kriechstock (als Kind in der Jugendherberge Parnitz 1947/48); Gespräch mit Heimatchronist Herbert Meyer, 29. Januar 2022

Karte 1917

Schwanenteich am Forsthaus Parnitz — Ansichtskarte 1917

Eine der ältesten überlieferten Ansichten von Parnitz: Die Karte zeigt den Schwanenteich beim Forsthaus Parnitz — ein Ruderboot mit Ausflüglern auf dem Wasser, Schwäne und Gänse auf dem See, und am gegenüberliegenden Ufer ein kleiner Pavillon inmitten alter Bäume. Das Bild dokumentiert Parnitz als Ausflugsziel in der Dübener Heide, bereits Jahrzehnte vor der DDR-Nutzung.

Der Poststempel datiert auf den 19. Mai 1917 — mitten im Ersten Weltkrieg — und wurde in Schköna (heute ein Ortsteil der Stadt Gräfenhainichen) abgestempelt. Die Karte ist adressiert an „Frl. Mariechen Rotte” in Wittenberg b/Halle. Herausgegeben vom Verlag C. Fensch, Bad Düben.

Der auf der Karte abgebildete Schwanenteich liegt unmittelbar beim Forsthaus und war offenbar ein beliebter Anziehungspunkt für Tagesausflüge in die Dübener Heide.

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Quelle: Privatsammlung

Foto 1937

Försterei Parnitz aus der Luft — Oktober 1937

Im Oktober 1937 nahm die Hansa Luftbild GmbH im Auftrag der Topographischen Reichsaufnahme beim Reichsamt für Landesaufnahme einen Luftbildplan der „Försterei Parnitz” auf. Der Plan im Maßstab 1:5000 — Originalformat etwa 40 × 40 cm — wird heute im Landesarchiv Sachsen-Anhalt unter der Signatur C 20 IX Luftbilder Nr. 95 verwahrt. Es ist die älteste bekannte fotografische Aufnahme des Geländes.

Was zu sehen ist

Im Zentrum des Bildes liegt der Gebäudecluster der Försterei, mit dem Schriftzug „Parnitz” gekennzeichnet und durch ein eingeschriebenes „F” markiert. Die einzelnen Gebäude sind als kleine dunkle Flächen zwischen Bäumen erkennbar; aufgrund des Maßstabs lassen sich Details der Baukörper kaum mehr ablesen. Eingebettet ist die Anlage in den geschlossenen Wald der Dübener Heide, durchschnitten von einem Wegenetz, das die forstwirtschaftliche Erschließung des Bestandes zeigt.

Rund um die Försterei sind mehrere helle Lichtungen unterschiedlicher Form sichtbar — geometrische Parzellen und unregelmäßigere Flächen, die auf Forstwirtschaft (Schläge, Neuanpflanzungen) oder örtliche Nutzungen hinweisen. Eine Rekonstruktion der Einzelfunktionen ist anhand des Bildes allein nicht möglich.

Hansa Luftbild und die Topographische Reichsaufnahme

Die Hansa Luftbild GmbH war zur Zeit der Aufnahme einer der führenden deutschen Anbieter für photogrammetrische Vermessung aus der Luft. Im Auftrag des Reichsamts für Landesaufnahme lieferte sie systematisch Bildmaterial für die Aktualisierung der amtlichen Karten. Der vorliegende Plan trägt dafür typische Merkmale: einheitlicher Maßstab, Rahmenangaben, vermessungstechnische Eckmarken.

Einordnung

Die Aufnahme zeigt das Gelände in einem Zustand vor allen späteren Umnutzungen. Sie liegt — was die Eigentumsverhältnisse betrifft — noch in der Zeit der Familie Dippe aus Bösewig, die das Anwesen bis zur Bodenreform 1945/46 besaß (→ Bau des Jagdhauses). Die spätere Nutzung als Jugendherberge „Arthur Becker” in den frühen 1950er Jahren, als Betriebsferienlager und schließlich als MfS-Mehrzweckobjekt lag noch in der Zukunft.

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Quelle: Landesarchiv Sachsen-Anhalt, C 20 IX Luftbilder Nr. 95 / Hansa Luftbild GmbH

Karte 1929–1939

Förster Leidenfrost — Forsthaus Parnitz 1929–1939

Zwei Quellen aus den Jahren 1929 und 1939 belegen die Person, die Forsthaus Parnitz in der Zwischenkriegszeit prägte: Förster Leidenfrost.

Brennholzverkauf 1929

In der Kemberger Zeitung vom 20. November 1929 schaltet „Der Förster Leidenfrost” eine amtliche Anzeige: Am Donnerstag, den 21. November, sollen im Forstrevier Parnitz ca. 150 Raummeter starke Buchenrollen und Knüppel, 150 Raummeter kieferne Rollen und Knüppel sowie 700 Stück Eichen-Steile „öffentlich meistbietend an Ort und Stelle verkauft werden. Zusammenkunft: Forsthaus Parnitz.” Leidenfrost war also amtlicher Förster im Forstrevier Parnitz — und nutzte das Forsthaus als Treffpunkt für die Versteigerung.

Anzeige in der Kemberger Zeitung

Ansichtskarte 1939

Eine Zweibildkarte aus dem Jahr 1939 zeigt das kleine Forsthaus mit dem charakteristischen Holzzaun davor und darunter eine „Teichpartie am Forsthaus Parnitz” — eine Freiluft-Sitzgruppe unter alten Laubbäumen am Wasser. Die Rückseite trägt den gedruckten Briefkopf „Dübener Heide (Forsthaus Parnitz), Inh.: Leidenfrost”: Zehn Jahre nach der Brennholzversteigerung ist Leidenfrost als Inhaber des Forsthauses ausgewiesen. Der Poststempel datiert auf den 15. Oktober 1939 aus Brakenhainichen (Kreis Bitterfeld) — wenige Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Herausgegeben vom Verlag W. Knauer, Gräfenhainichen.

Ob Leidenfrost Eigentümer oder Pächter unter Familie Dippe war, ist nicht überliefert. Mit der Bodenreform 1945/46 endete diese Ära.

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Quelle: Privatsammlung; Kemberger Zeitung

Nachkriegszeit & frühe DDR

Zeitzeugenbericht 1947/48

Zeitzeugenbericht — Jugendherberge Parnitz 1947/48

Herr Kriechstock berichtet, als Kind in den Jahren 1947/48 die Jugendherberge Parnitz besucht zu haben — noch vor Gründung der DDR, in der Sowjetischen Besatzungszone.

Kriegsende 1945 — Erinnerung an eine Flakeinheit

Aus Kriechstocks Erinnerung stammt auch ein Detail aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs: Am Weg hoch in Richtung Thielenheide soll eine Flakeinheit stationiert gewesen sein. Auf das ehemalige Vorhandensein passen — auch wenn die Verbindung nicht zwingend ist — Bombentrichter im umliegenden Gelände, unter anderem in der Nähe der Teiche. Erzählt wird darüber hinaus, die Einheit habe das offizielle Kriegsende am 8. Mai 1945 nicht mitbekommen; am 10. Mai 1945 hätten sich die Soldaten erschossen. Dieser zweite Teil beruht ausschließlich auf einer Kindererinnerung Jahrzehnte später, ist anderweitig nicht belegt und sollte entsprechend zurückhaltend gelesen werden.

Zur Jugendherberge

Die Jugendherberge war damals nicht im Jagdhaus untergebracht, sondern im ehemaligen Stallgebäude (Dachschober) — dem Wirtschaftsgebäude mit ausgebautem Dachboden, das als Schlafsaal diente. Die Küche befand sich im Jagdhaus.

Alfred Kaps war bei Dippe angestellt — bei jenem Herrn Dippe aus Bösewig also, dem das gesamte Gelände bis zur Enteignung 1945/46 gehört hatte. Kaps war der Forstaufseher des Anwesens und wohnte im kleinen Forsthaus — dem ältesten Gebäude auf dem Gelände. Er dürfte zu den Beschäftigten aus der Vorkriegszeit gehört haben, die nach der Bodenreform auf dem Gelände verblieben oder in der neuen Nutzung weiterarbeiteten.

Zur späteren Nutzung durch die Staatssicherheit

Der Zeitzeuge berichtet außerdem, dass in den Bungalows auf dem Gelände Mitarbeiter der Staatssicherheit aus Halle untergebracht waren. Als Legende — also offizielle Tarnung nach außen — wurde „Volkspolizei” angegeben.

Diese Schilderung fügt sich in die bekannte Praxis des MfS ein, Einrichtungen unter zivilen oder polizeilichen Deckbezeichnungen zu führen, um den tatsächlichen Betreiber zu verschleiern.


Dieser Bericht basiert auf mündlich überlieferten Erinnerungen. Ergänzungen, Korrekturen oder weitere Zeitzeugenberichte sind willkommen.

Quelle: Gespräch mit Herrn Kriechstock

Foto 1947–1961

Familie Kaps — Försterfamilie und Zeitzeugen 1947–1961

Zwischen 1947 und 1961 lebte die Familie Kaps im alten Forsthaus Parnitz. Der Vater — Alfred Kaps, wie ihn ein anderer Zeitzeuge aus dieser Zeit benennt (→ Zeitzeugenbericht — Jugendherberge 1947/48) — war hier als Revierförster und Revierjäger eingesetzt; die Familie war zuvor im Forsthaus Thielenheide ansässig gewesen. Ihre Erinnerungen, vermittelt durch eine Tochter der Familie, die 1961 wegheiratete und seither den Namen Jäschke trägt, sind eine der wenigen direkten Quellen zum Gelände in der Zeit zwischen Bodenreform und MfS-Übernahme — bevor Bettenhäuser, Bungalows, Mehrzweckgebäude und Heizhaus die Anlage prägten.

Bauernhof statt Lehrgang

Das Gelände war zu dieser Zeit ein vollständiger Bauernhof. Wo heute die zwei Kindergarten-Bungalows stehen, befand sich eine Fachwerkscheune; hinter dem alten Forsthaus lag der Stall. Auf der gesamten Fläche, auf der später die Bettenhäuser und der Sportplatz entstehen sollten, lag damals Acker. Das Grundstück war mit einem Jägerzaun umfriedet. Zur Tierhaltung gehörten Ziegen, Schweine, eine Kuh, Gänse, Enten — dazu ein Dackel und ein großer Jagdhund. Wasser kam aus zwei Brunnen mit Schwengelpumpe; Strom erhielt das Anwesen erst spät; gebadet wurde in der Zinkwanne. Am alten Forsthaus gab es zusätzlich einen externen Keller, in dem Kartoffeln und Vorräte gelagert wurden. Die Großmutter saß meist am Fenster im Wohn-/Esszimmer mit Blick auf den Weg.

Das Jagdhaus als Jugendferienlager

Während die Familie Kaps das alte Forsthaus bewohnte und den Hof betrieb, diente das Jagdhaus in dieser Zeit als Jugendferienlager — was zur seit 1953 nachweisbaren Phase als Jugendherberge „Arthur Becker” passt (→ Jugendherberge Arthur Becker). Einen zentralen Schornstein, eine Fernwärmeversorgung, Bettenhäuser oder Bungalows gab es noch nicht — diese Bauten entstanden erst nach der MfS-Übernahme.

Das Kommandantenhaus als Ferienhaus

Auch das spätere Kommandantenhaus existierte bereits — mit Garage und Scheune. Es diente in dieser Zeit als privates Ferienhaus einer wohlhabenden Familie aus Bitterfeld.

„So sicher habe sie sich noch nie gefühlt”

1961 heiratete eine Tochter der Familie Kaps in die Familie Jäschke ein; das junge Paar zog nach Neubrandenburg. Die Großmutter blieb jedoch in Parnitz — und blieb auch nach der MfS-Übernahme. Sie wurde, wie die Familie heute berichtet, vom Staatssicherheitsdienst übernommen und sehr gut umsorgt. Ihre eigene Aussage aus jener Zeit ist überliefert: „So sicher habe sie sich noch nie gefühlt.” Die Großmutter wurde 88 Jahre alt. Auch im Interview mit Peter Graf vom 27. Februar 2022 wird beiläufig bestätigt, dass „die Oma” auch unter dem MfS auf dem Gelände blieb.


Die heute in Neubrandenburg lebende Familie Jäschke — die ausgeheiratete Kaps-Tochter und ihr Mann — kommt bis heute regelmäßig nach Parnitz und fühlt sich dem Ort eng verbunden. Ergänzungen und weitere Erinnerungen sind willkommen.

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Quelle: Gespräche mit Familie Jäschke (Tochter der Familie Kaps)

Foto Juli/August 1951

Ferienlager der Oberpostdirektion Halle (Saale) — Fotoalbum 1951

Im Archivbestand der Deutschen Post, Bezirksdirektion Halle, hat sich ein Fotoalbum erhalten, das unter anderem 6 Fotos vom Ferienlager der Oberpostdirektion Halle (Saale) in Parnitz aus dem Sommer 1951 enthält — aufgeklebt auf zwei Albumseiten. Es sind die frühesten bisher bekannten Bildzeugnisse zur Nutzung des Geländes in der DDR-Zeit.

Die Oberpostdirektion Halle war die regionale Behörde der Deutschen Post der DDR für den Bezirk Halle. Dass ihre Beschäftigten bereits 1951 ein Ferienlager in Parnitz abhielten, zeigt, wie das Gelände in den ersten Jahren nach der DDR-Gründung als betrieblicher Erholungsort genutzt wurde — noch vor der späteren Umwidmung zum Kinderferienlager unter MfS-Trägerschaft.

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Quelle: Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Dessau — Archivbestand „M 403 Deutsche Post. Bezirksdirektion Halle", Signatur M 403, Fotoalbum 43

Foto 1953–1965

Jugendherberge „Arthur Becker"

In den frühen Jahren der DDR trägt das Forsthaus Parnitz einen anderen Namen: Jugendherberge „Arthur Becker” — benannt nach dem deutschen Kommunisten und Spanienkämpfer Arthur Becker (1905–1938), der in der DDR als Held verehrt wurde und zahlreichen Jugend- und Pioniereinrichtungen seinen Namen gab.

Die hier gezeigten Fotografien stammen aus den Jahren 1953 bis 1955. Sie zeigen das Forsthaus und seine Umgebung in einer Zeit, in der die DDR-Gesellschaft noch im Aufbau begriffen war — und geben einen seltenen Blick auf den Zustand der Gebäude und das Leben auf dem Gelände in dieser Epoche.

Postkarten Mitte der 1960er Jahre

Eine spätere Postkartenserie — gedruckt vom VEB Bild und Heimat Reichenbach (Vogtland) im März 1963, ausgegeben unter dem Titel „Jugendherberge ‚Arthur Becker’ Parnitz (Dübener Heide), Post Lubast” — zeigt das Jagdhaus aus zwei Perspektiven: einmal die Frontansicht mit Fahnenmast und Wappen am Tor, einmal die Hofansicht mit dem Eingangsbereich unter alten Bäumen. Eine 1965 in Kemberg abgestempelte und an eine Familie in Dessau gesendete Karte aus dieser Serie belegt, dass Parnitz auch über die Aufbaujahre hinaus als Reise- und Erholungsziel bekannt war.

Der Name „Arthur Becker” blieb der Anlage über die unmittelbare Jugendherbergszeit hinaus erhalten: Eine Vorprüfung des Investitionsprojektes vom 27. Juli 1968 durch den Projektierungsbetrieb Wittenberg dokumentiert die Einrichtung noch immer als „Jugendherberge ‚Arthur Becker’ in Parnitz” und beziffert die geplante Rekonstruktion auf 166.368 Mark. Investitionsträger war zu diesem Zeitpunkt der Rat der Gemeinde Ateritz, finanziert über den Jugend-, Sport- und Körperkulturetat des Kreises Wittenberg. Erst Ende 1969 wechselte das Objekt den Träger — und damit auch seinen Namen (→ Trägerwechsel 1968–1973).

Wer weitere Fotos, Postkarten oder Erinnerungen aus der Jugendherbergenzeit besitzt, ist herzlich eingeladen, sich zu melden.

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DDR-Zeit

Dokument 1968–1973

Drei Träger in fünf Jahren — Vom Jugendgästehaus zum MfS-Ausbildungsobjekt

Zwischen der Jugendherberge der frühen DDR-Jahre und dem Pionierferienlager des MfS lagen — bisher kaum bekannt — zwei weitere Träger. Eine Reihe von Schriftstücken aus der Sachakte BV Halle RD 408 belegt die Eigentumskette zwischen 1968 und 1973 mit ungewöhnlicher Detailtiefe.

1968: Eine Gemeinde investiert 166.000 Mark

Am 27. Juli 1968 schloss der Projektierungsbetrieb Wittenberg die kostenmäßige Vorprüfung für das Investitionsprojekt „Jugendherberge ‚Arthur Becker’ in Parnitz” ab — aufgestellt vom Sachverständigen Nodurft, der vier Jahre später auch das benachbarte Forsthaus „Hüfnerschaft” bewerten sollte. Die Zahlen geben einen Maßstab für die geplante Sanierung:

  • I. Hauptgebäude: 110.344 M
  • II. Nebengebäude: 25.130 M
  • III. Außenanlagen: 16.530 M
  • IV. Sonstige Instandsetzungsarbeiten: 2.500 M
  • zzgl. Bearbeitungsgebühren (Projektierung, Bauleitung, Bauaufsicht): 11.864 M

Insgesamt 166.368 Mark — eine erhebliche Summe. Der Inhalt: „Rekonstruktion, Einbau einer neuen Brauchwasserheizung.” Am 12. August 1968 folgte die zugehörige statische Berechnung.

Bemerkenswert ist die institutionelle Konstellation des Bauantrags (Projekt-Nr. 13/20/68):

  • Investitionsträger: Rat der Gemeinde Ateritz
  • Finanzträger: Rat des Kreises Wittenberg, Abteilung Jugendfragen, Körperkultur und Sport

Die Jugendherberge gehörte 1968 also der Gemeinde Ateritz und wurde mit Geld aus dem Jugend-, Sport- und Körperkulturetat des Kreises Wittenberg saniert — eine typische DDR-Konstruktion für staatlich getragene Jugendeinrichtungen.

1969/70: Eine landwirtschaftliche Kooperative übernimmt

Spätestens 1969 wechselte das Objekt den Träger. Am 10. Dezember 1969 erteilte das Kreisbauamt Wittenberg die Baugenehmigung Nr. 407/69:

Rekonstruktion der ehem. Jugendherberge „Arthur Becker” Parnitz/Ateritz — Einbau einer neuen Pumpenwarmwasserheizung — als Betriebsferienlager.

Empfänger der Genehmigung war die Kooperationsgemeinschaft „Tierzucht Elbaue” mit Sitz in Rackith — ein landwirtschaftlicher Zusammenschluss aus dem Wittenberger Raum. Bauauftragnehmer war die PgH Aufbau Kemberg, Projektant die Produktionsleitung Werterhaltung Wittenberg. Die Genehmigung war bis zum 31. Dezember 1970 gültig; Verwaltungsgebühr 1.159 Mark.

Aus der staatlichen Jugendeinrichtung wurde damit ein betriebliches Ferienheim — ein Übergang, der in der DDR der späten 1960er Jahre nicht ungewöhnlich war: Volkseigene Betriebe und Kooperativen übernahmen zunehmend Freizeitobjekte für ihre Mitarbeitenden, häufig von kommunalen Trägern. Die Werterhaltungsmaßnahmen — sanitäre Installation und Pumpenwarmwasserheizung — wurden bis 1970 abgeschlossen.

Mai 1972: Das MfS kauft

Mit einem Schreiben vom 11. Mai 1972 wandte sich die Abteilung Verwaltung und Wirtschaft der Bezirksverwaltung Halle des MfS an den Rat des Kreises Wittenberg:

Zur Durchführung unserer Aufgaben macht es sich erforderlich, das Ferienheim Parnitz, Parnitzer Weg, käuflich zu erwerben. Wir bitten Sie, Ihr Referat Volkseigentum und Treuhandvermögen zu beauftragen, im Interesse unseres Ministeriums mit dem Staatlichen Notariat Wittenberg in Verhandlung zu treten und den Kauf nach den bestehenden Bestimmungen vorzunehmen.

Der Rat antwortete am 17. Mai 1972 mit der Vollzugsmeldung — am selben Tag war der Kaufvertrag bereits vor dem Staatlichen Notariat Wittenberg geschlossen worden:

  • Kaufpreis: 239.900 Mark
  • Beurkundungsgebühr: 660 Mark
  • Verkäufer: Kooperationsgemeinschaft Tierzucht „Elbaue”, Rackith

In demselben Schreiben deutete der Rat des Kreises auf einen zweiten Vorgang hin:

Unmittelbar am Ferienobjekt Parnitz belegen ist ein Einfamilienhaus, dessen Eigentümer eine ehemalige Hüfnergesellschaft — vertreten durch den Rat der Gemeinde Ateritz — ist. Für den von Ihnen beabsichtigten Kauf dieses Grundstückes bitten wir Sie, sich mit dem Rat der Gemeinde Ateritz in Verbindung zu setzen.

Dieses zweite Grundstück — das alte Forsthaus, das in einer Wertermittlung vom 25. November 1972 als „Forsthaus ‚Hüfnerschaft’ in der Mark Parnitz” geführt wird — ging in einem getrennten Vorgang in MfS-Besitz über.

Warum Parnitz? — die Schießausbildung der BV Halle

Ein hauseigenes Ausbildungsobjekt suchte die BV Halle schon vor dem Parnitz-Angebot. Eine Genehmigung vom 22. November 1971 (HA Verwaltung und Wirtschaft, Tgb.-Nr. 2860/71) hatte ursprünglich die Übernahme eines Schießplatzes in Quedlinburg vorgesehen. Mit dem Parnitzer Angebot im Frühjahr 1972 wurde dieser Plan hinfällig. Im Schreiben vom 12. April 1972 an die HA Verwaltung und Wirtschaft begründete der Leiter der BV Halle den Vorzug von Parnitz unter anderem damit, dass die Schießausbildung über bestehende Plätze in der Umgebung abgedeckt werden könne. Die Objektbeschreibung der Abteilung Kader und Schulung vom 11. April 1972 zählt sie auf: Wittenberg, Bad Schmiedeberg und Köplitz. Und sie nennt ein Standortargument für Parnitz:

Im gleichen Zusammenhang sei bemerkt, daß sich ca. 1 km vom Objekt Parnitz entfernt eine stillgelegte Kiesgrube befindet, die nach entsprechender Rücksprache mit der Bergbaubehörde und den zuständigen Organen als Schießstand ausgebaut werden kann.

Nahe dieser Kiesgrube in Köplitz liegt heute der Schießstand der Schützengilde Kemberg 1735 e.V., die öffentlich Schießzeiten anbietet. Aktenmäßig nicht belegt ist, ob das MfS den Ausbau tatsächlich vorangetrieben hat. Die Genehmigung von 1971 für Quedlinburg wurde mit dem Kauf von Parnitz endgültig zurückgezogen.

Sommer 1972: Übergangsphase mit drei Interessenten

Zwischen Kaufabschluss und Inbesitznahme entstand eine kuriose Konstellation. Während laufender Verhandlungen war der VEB Stickstoffwerk Piesteritz mit dem Ersuchen herangetreten, das Objekt bis Oktober 1972 als Arbeitsunterkunft zu nutzen — die BV stimmte zu, doch das Stickstoffwerk meldete sich nicht wieder. Der Rat des Kreises Wittenberg bat im selben Schreiben vom 17. Mai 1972 darum, das Objekt bis zum 30. August 1972 noch einmal als Kinderferienlager der Kooperationsgemeinschaft „Elbaue” zu nutzen — auch dem wurde stattgegeben.

So lief der letzte Kinderferienlager-Sommer der Tierzucht-Kooperative bereits auf MfS-Grund ab.

Herbst 1972: Umbau für das MfS

Eine Vorlage vom 17. August 1972 „über die Nutzung und den Ausbau des Objektes Parnitz” beschrieb den aufzunehmenden Bestand: Hauptgebäude, Stallgebäude, Baracke und Freifläche (Flurstücke 2/2, 2/3, 86/3, 80/1), dazu Wiesengelände (12/124) und Teich (12/36). Das Hauptgebäude und die Baracke seien „in einem guten Zustand”, die Wasserversorgung erfolge über einen Bohrbrunnen mit Ständerpumpe und einen Brunnen mit Handpumpe — letzteres nur abgekocht trinkbar. Eine Filtrieranlage werde benötigt. Propangas war vorhanden; die nächste Ferngasleitung lag rund 100 m entfernt.

Der Personalplan: ein Objektleiter (Genosse aus der Kreisdienststelle Wittenberg), ein Hausmeister-Ehepaar zum 15. September 1972 (vorgesehen als Heizer und für Wartungsarbeiten, bis zur Fertigstellung des Försterhauses im 1. Obergeschoss des Hauptgebäudes untergebracht), eine Köchin, eine Küchenhilfe, eine Raumpflegerin. Eine wöchentlich wechselnde Wachmannschaft (Stärke 1:5) sollte das Objekt sichern.

Aus einem Aktenvermerk der Abteilung Verwaltung und Wirtschaft vom 5. September 1972:

Da das Objekt im gegenwärtigen Zustand nicht genutzt werden kann, weder als Ausbildungs- noch als Unterkunftsobjekt, wurden entsprechende Maßnahmen eingeleitet mit dem Ziel, das Objekt winterfest zu machen und ab 1.1.1973 seiner Aufgabe zuzuführen.

Ab 1. Oktober 1972 kamen Brigaden zum Einsatz: Isolierung der Ausdehnungsgefäße und gefährdeter Leitungen, Entrosten und Streichen der Heizungsleitungen, Überprüfung von Heizungs-, Wasser- und Lichtanlage. Drei Tage später, am 8. September 1972, informierte der Leiter der BV Halle den 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung über den Stand der Dinge — der Brief erwähnt die zuvor abgelehnte Mitnutzung durch den Kreis Wittenberg und das letzte Kinderferienlager-Wochenende der Elbaue-Kooperative.

Ab 1. Januar 1973: Schulungs- und Ausbildungsobjekt

Mit dem Jahreswechsel 1972/73 endete die kurze, fünfjährige Episode aus kommunaler Jugendherberge und betrieblichem Ferienheim. Das Gelände wurde zum Schulungs- und Ausbildungsobjekt der BV Halle des MfS — eine Funktion, die zwei Jahre später in der Leitungsentscheidung vom 2. April 1975 bestätigt und auf die BV Leipzig erweitert wurde, parallel zur Doppelnutzung als Kinderferienlager (→ Bauplanung und Baustopp 1974–1978).

Der Kreis Wittenberg, der noch wenige Monate zuvor eine Mitnutzung abgelehnt hatte, war fortan ausgesperrt.

Quelle: Bundesarchiv / BStU, MfS BV Halle RD Sach-Nr. 408; MfS Liegenschaften 2770 Bd. 1

Foto 1975–1989

Kinderferienlager „Feliks E. Dzierzynski"

Nach der MfS-Übernahme im Mai 1972 (→ Trägerwechsel 1968–1973) wurde das Gelände als Schulungs- und Ausbildungsobjekt der Bezirksverwaltung Halle eingerichtet — so jedenfalls die Zweckbestimmung in den Akten von 1972 (Brief des BV-Leiters an SED, 8. September 1972). Ein Kinderferienlager mit eigener Infrastruktur wurde erst mit der ersten Bauphase geschaffen: Die Leitungsentscheidung vom 2. April 1975 (→ Bauplanung und Baustopp 1974–1978) ordnet eine Sommerbelegung mit 262 Kindern pro Durchgang ab dem 1. Juli 1975 an. Träger blieb die BV Halle, ab 1980 auch die BV Leipzig.

In den BStU-Akten taucht spätestens ab 1982 der Name Pionierferienlager „Feliks E. Dzierzynski” auf — benannt nach Felix Edmundowitsch Dserschinskij, dem Gründer der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka, der in der DDR als Symbolfigur der staatlichen Sicherheitsorgane galt. Für die parallele Nutzung — Schulungen in den belegungsschwachen Monaten, Ferienlager im Sommer — etablierte sich in den 1980er-Jahre-Akten der Begriff „Mehrzweckobjekt”: eine Bezeichnung, die die Doppelfunktion auf den Punkt bringt.

Die Fotografien zeigen das Lagerleben aus der Innenperspektive: das Neptunfest als jahreszeitliches Ritual, Lumpenfußball auf der Freifläche, die Bungalowfreundschaft, Leiterzimmer und Beratungsraum. Sie geben einen seltenen Einblick in eine Anlage, die für Außenstehende jahrzehntelang nicht zugänglich war.

Das Gelände wurde in dieser Zeit zweimal grundlegend ausgebaut — in der ersten Bauphase 1975–1977 (→ Bauplanung & Baustopp 1974–1978) und in der NAW-finanzierten Modernisierung 1983–1987 (→ Modernisierung 1983–87). Die meisten heute noch stehenden Unterkunfts- und Seminargebäude stammen aus diesen beiden Bauphasen.

8 Fotos — zum Vergrößern anklicken

Quelle: Gespräch im Mai 2025 mit dem ehemaligen Lagerleiter (1974–1989); Fotos aus dessen privatem Bestand

Dokument 1980–1983

MfS-Sachakte BV Halle RD 2457 — Aufgabenstellung zur Umgestaltung des Pionierferienlagers

Die Sachakte BV Halle RD 2457 enthält unter anderem eine „Aufgabenstellung zur Umgestaltung des Pionierferienlagers Parnitz, Bezirk Halle” — ein internes MfS-Planungsdokument, das die damalige Bebauungsstruktur des Geländes detailliert beschreibt und einen umfangreichen Erweiterungsbau plant.

Kapazität zum Zeitpunkt des Dokuments

Das Objekt verfügte über 192 Teilnehmerplätze in festen Unterkünften und 120 weitere in Zeltunterkünften. Ziel war die vollständige Belegung der festen Unterkünfte (Altersklasse I) und eine Erhöhung der Winterkapazität auf 200 Plätze.

Bestand: die Gebäude auf dem Gelände

Das Dokument beschreibt die damalige Bebauungsstruktur im Einzelnen:

  • Forsthaus mit Anbau: Verpflegungseinrichtung, Speisesaal für ca. 35 Personen (Personal), Klubraum mit 20 Plätzen, Schlafräume für Küchenpersonal, Arbeitsräume für Objektleiter, Lagerleiter und Freundschaftsleitung FS III, Wasch- und Duschräume, Gasheizung für das gesamte Objekt, Wäschekammer.
  • 2 Unterkunftsgebäude (eines beheizt, eines unbeheizt): je 112 Bettenplätze (96 Kinder, 16 Erzieher), je ein großer und ein kleiner Speisesaal, kalte Küche, Sanitärräume. Beide Gebäude zum Zeitpunkt des Dokuments in gutem Zustand.
  • Kleines Forsthaus: Medizinischer Punkt mit Unterkunft für zwei medizinische Kader, Behandlungszimmer, Isolierzimmer mit 6 Betten, Badezimmer; zwei Arbeitsräume mit Schlafraum für die Freundschaftsleitung; ein Fotolabor.
  • Zwei Wohnwagen (je 8 Betten) als provisorische Übergangslösung für Betreuungspersonal.
  • Baracke: 16 Betten (2 × 8), ein Raum als Kantine genutzt; zentral beheizt, in gutem Zustand.

Geplante Erweiterungen

Das Dokument legt eine Grundkonzeption für den Ausbau fest:

  • Errichtung fester Unterkünfte auf dem bisherigen Zeltplatz: Schlafräume für 120 Kinder (8 Betten je Raum) sowie Unterkünfte für 32 Betreuungskräfte.
  • Bau eines Mehrzweckgebäudes mit ~140 Sitzplätzen und zwei Arbeitsgemeinschaftsräumen (je 18 Plätze) als Ersatz für das bisherige Großraumzelt.
  • Vollständige Beheizung des zweiten Unterkunftsgebäudes für ganzjährige Nutzung.
  • Erhöhung der Verpflegungskapazität auf 250 Essenteilnehmer im Winterbetrieb.
  • Umbau des Sportplatzes zu einem kombinierten Appell- und Sportplatz.
  • Befestigung der Hauptwege zwischen den Unterkunftsgebäuden.
  • Wiedernutzbarmachung des Waldsees als Badestelle.

Einordnung

Das Dokument zeigt, wie das Gelände systematisch als MfS-Einrichtung geplant und ausgebaut wurde — mit militärisch geprägter Terminologie (Appellplatz, Freundschaftsleitung, Altersklasse I), einer eigenen medizinischen Infrastruktur und einem Fotolabor. Die heute noch vorhandenen Gebäude entsprechen in ihrer Grundstruktur weitgehend dem im Dokument beschriebenen Bestand.

Quelle: Bundesarchiv / BStU, Stasi-Unterlagen-Archiv, BV Halle RD 2457

Dokument um 1983

Handreichung für Gruppenpionierleiter — Jungpionierlager „F. E. Dzierzynski" Parnitz

Eine interne „Handreichung für Gruppenpionierleiter, die ihren Einsatz im Jungpionierlager ‚F. E. Dzierzynski’ in Parnitz haben” (Dokumentencode ZD 9140) bietet einen einzigartigen Blick in den Alltag und die Ideologie des Lagers. Das Dokument entstand um 1983 — ein Hinweis auf den „Feriensommer 1983” in Verbindung mit dem XI. SED-Parteitag und dem VIII. Pioniertreffen in Karl-Marx-Stadt ermöglicht die Datierung.

Das Lager in amtlichen Worten

Die Handreichung benennt den Charakter der Einrichtung ohne Umschweife:

Das Jungpionierlager ‚F. E. Dzierzynski’ ist ein Betriebsferienlager des Ministeriums für Staatssicherheit.

Die offizielle Postanschrift lautete: Jungpionierlager „F. E. Dzierzynski”, 4604 Kemberg/Parnitz.

Struktur und Alltag

Das Lager war in drei Lagerfreundschaften (LF) aufgeteilt: LF I und II wohnten in den Neubauten, jeweils acht Pioniere pro Zimmer; LF III (jüngere Kinder, 8–9 Jahre) in den Bungalows. Eine Badestelle befand sich ca. 200 Meter vom Lager entfernt. Die Kinder wurden für 14 bis 16 Tage anvertraut; der Gruppenpionierleiter ersetzte ihnen in dieser Zeit „die Mutti, den Vati und auch Geschwister”.

Der Tagesablauf war minutengenau geregelt:

UhrzeitProgrammpunkt
06:15Wecken der Lagerleitung
06:30Wecken der Gruppenleiter
07:00Wecken der Pioniere
07:05Frühsport
07:45 / 08:25Frühstück LF I+II / LF III
09:00Arbeit laut Plan
11:45 / 12:25Mittagessen
Mittagsruhe
14:00 / 15:00Arbeit laut Plan
17:45 / 18:25Abendbrot
20:00 / 20:30Nachtruhe LF III / LF I+II
23:30Nachtruhe des Betreuungspersonals

Politische Erziehung als Daueraufgabe

Auch im Ferienlager durfte die politische Erziehung nicht pausieren. Die Handreichung schreibt den Gruppenpionierleitern ausdrücklich vor, täglich ein „politisches Gespräch” zu führen — „auch wenn dein Ferienlager in einer idyllischen Waldgegend liegt”. Als Formate waren vorgesehen: Meetings, „Tribunal ‚Wir Kinder klagen den Imperialismus an’”, Politdiskos oder gezielte Diskussionen beim Wandern. Den Abschluss eines jeden Lagerabschnitts bildete jeweils ein Appell auf dem Appellplatz.

Revolutionäre Traditionen in Parnitz

Ein eigenes Kapitel widmet sich den im Lager gepflegten Traditionen:

  • Tag der Tscheka — Höhepunkt jedes Durchgangs. Die Pioniere erfuhren etwas über die „Wirkungsbereiche einiger Genossen”, sahen Bilder über diese Tätigkeit und erhielten „Informationen und praktische Anleitungen über den Schutz, über die Abwehr” — eine verhüllte Formulierung für die Vermittlung von Grundzügen des geheimdienstlichen Denkens.
  • Thälmann-Ehrung — feierlicher Appell in der Dämmerung mit Fackelträgern.
  • Forum mit Arbeiterveteranen — jede Pioniergruppe lud einen Veteranen aus dem Territorium ein.
  • Gedenkstein „Schlesien” — Ehrung am Gedenkstein für 14 sowjetische Menschen, die dort im April 1945 umgebracht wurden. Das Dokument nennt diesen Stein als festen Bestandteil der Traditionspflege im Lager; sein genauer Standort ist bisher nicht bekannt.

Ein Traditionszimmer auf dem Gelände diente als Ort für bestimmte Veranstaltungen.

Umgebung und Ausflugsziele

Die Handreichung enthält auch praktische Hinweise zur Umgebung:

  • Gaststätte „Ochsenkopf”: ca. 4 km entfernt, gelegentliches Wanderziel
  • Touristenstation Thielenheide: ca. 4–5 km, Naturschutzgebiet; Halbtagswanderungen für LF II und III, Übernachtungsausflug für LF I
  • Die Wanderung dorthin beginnt „links am See” auf dem Lagergelände

Beim Ausflug nach Thielenheide wurden die Kinder ausdrücklich über Fundmunition belehrt — ein Hinweis darauf, dass das Waldgebiet rund um Parnitz noch 1983 mit nicht detoniertem Kriegsgerät aus dem Zweiten Weltkrieg belastet war.

Anlage 1: Biografie Dzierzynski

Als Anhang enthält die Handreichung eine kindgerechte Biografie von Feliks Edmundowitsch Dzierzynski (1877–1926), Gründer der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka und Namensgeber des Lagers — ergänzt um das Gedicht „Mein Vaterland”.

Quelle: Privatarchiv

Dokument 1974–1978

Außerplanmäßiges Vorhaben — Bauplanung und Baustopp 1974 bis 1978

Die Sachakte BV Halle RD 408 dokumentiert eine Weichenstellung: Das Gelände in Parnitz war bis 1974 ein reines Ausbildungsobjekt des MfS — nun sollte dort in kürzester Frist ein Kinderferienlager entstehen. Aus den Planungsunterlagen und dem Baustopp vier Jahre später lässt sich ablesen, was gebaut wurde und was Wunschtraum blieb.

1973: Die Kapazitätsanalyse — und der eigentliche Antrieb

Ein Schreiben der Abteilung Kader und Schulung vom 8. Dezember 1973 an den Beauftragten für Sonderfragen der BV Halle legt die Triebfeder für den geplanten Ausbau offen. Auf der Grundlage der Dienstanweisung 2/73 des BV-Leiters waren jeder Diensteinheit zwölf Ausbildungstage pro Jahr zu garantieren — bei damals 47 Diensteinheiten ergab das 564 Ausbildungstage, dazu 84 Tage für Einführungslehrgänge, 20 Tage für Auslandsschulungs-Zug und 20 Tage für Feuerwehrausbildung. Insgesamt 733 Ausbildungstage — bei einer Belegungskapazität von nur 36 Betten im damaligen Forsthaus. Die neue Baracke sollte die Kapazität auf 60 Betten heben.

Das Kellergeschoss war im Konzept ausdrücklich auf Schulung zugeschnitten: ein Trainingsraum für Kreistraining und Aufwärmübungen, ein Raum für ein im Mai 1973 in Berlin vorgeführtes Mehrzweckgerät (für Tests bis zu 16 Genossen gleichzeitig), Geräte-Lager für Judoanzüge, Keulen, Netze und „Pioniergeräte”, Wasch- und Umkleideräume für 35 Personen. Der Vorrang militärischer Spezialausbildung ist hier unübersehbar — die spätere Doppelnutzung als Kinderferienlager im Sommer war konzeptionell sekundär, auch wenn sie in den späteren Verlautbarungen nach außen das tragende Argument bildete.

1974: Ein außerplanmäßiges Vorhaben

Die Vorlage zum Aufbau des Kinderferienlagers in Parnitz vom 13. Dezember 1974, unterzeichnet vom Leiter Rückwärtige Dienste der BV Halle (Oberstleutnant, geschwärzt), beginnt mit einer aufschlussreichen Formulierung: Man gehe „von der Notwendigkeit, in kürzester Frist Kapazitäten für die sinnvolle und erholsame Feriengestaltung zu schaffen” aus — und berücksichtige dabei „die Möglichkeiten, die für ein solches außerplanmäßiges Vorhaben gegeben bzw. zu erschließen sind”. Das Kinderferienlager war keine reguläre Investition im Fünfjahresplan, sondern eine außerplanmäßige Initiative, die vorhandene Strukturen nutzte und umwidmete.

Das Ziel: bis 1979 Kapazitäten für 320 Kinder und 32 Betreuer pro Durchgang schaffen, ausgelegt auf ein Infrastrukturmaximum für 500 Kinder und 50 Betreuer. Die Unterbringung sollte in massiven Gebäuden erfolgen — für ganzjährigen Betrieb, Sommer wie Winter.

Die Leitungsentscheidung der Verwaltung Rückwärtige Dienste Berlin vom 2. Juni 1975, unterzeichnet von einem Oberst als Leiter, nennt das Projekt beim Namen: „Kinderferienlager Parnitz — 1. Bauabschnitt — Schulungs- und Ausbildungsobjekt der BV Halle und BV Leipzig.”

Die bauliche Doppelnutzung wird in den projekttechnischen Unterlagen schwarz auf weiß formuliert. Der Erläuterungsbericht zum Barackenneubau (Dessau, 8. November 1974, durch das Entwurfskollektiv des VEB WBK Halle) beschreibt die Funktion der späteren Unterkunft 1 / Bettenhaus folgendermaßen:

Das eigentliche Barackengeschoß soll als Unterkunft für entweder 60 Lehrgangsteilnehmer oder 150 Ferienkinder dienen. Das Kellergeschoß … nimmt die Sanitärräume und die Gemeinschaftsräume auf. Die Sanitärräume sind für 150 Ferienkinder bemessen. … An Gemeinschaftsräumen ist ein Speiseraum mit anschließender Speiseausgabe und Geschirrspüle sowie ein Mehrzweckraum für Sport und Spiel vorgesehen. Der Speiseraum dient bei Lehrgangnutzung als Judoraum.

Das Gebäude war also nicht nur konzeptionell, sondern bis hinunter zur Funktion der einzelnen Räume für beide Nutzungen ausgelegt — Schulungslehrgänge im Frühjahr, Herbst und Winter, Kinderferienlager im Sommer. Wo Kinder ihr Mittagessen einnahmen, trainierten in anderen Monaten Lehrgangsteilnehmer Judo.

Der Plan: zwei Bauabschnitte, 7,1 Millionen Mark

Die Grobkostenaufstellung von Dessau (11. Dezember 1974) schlüsselt die Gesamtkosten von 7.138 Tausend Mark auf zwei Bauabschnitte auf:

1. Bauabschnitt 1974/75 (1.250 TM): Neubau einer Unterkunft für 80 Kinder (Objekt 4.1), Umbau der alten Försterei als Lagerleitung und Sanitätsstation, Lagerwache (Bungalow Typ „Ziegelroda” mit Telefonzentrale und Lagerfunk), Treppenhausanbau und Renovierung des Jagdhauses Rohrberg als Lagerklub mit Unterkunft für 30 Kinder (Objekt 6, 45 TM), Freibad mit Liegewiese, Forsthaus Thielenheide als „touristische Außenstation” mit Wildgehege — letztere als Jugendobjekt der FDJ in der BV Halle.

2. Bauabschnitt 1975–1979 (6.060 TM): Zwei weitere Unterkunftsgebäude — ein dreigeschossiger Neubau für 160 Kinder und ein weiteres für 80 Kinder —, ein Mehrzweckgebäude mit 180-Personen-Saal und Küchenanlage (2.100 TM, der teuerste Einzelposten), eine vollständige Sportanlage mit Spielfeld, Laufbahn und Sprunggrube sowie ein Freilichttheater mit 400 Plätzen. Für Sportanlage, Theater und drei Wohngebäude für Stammpersonal (Fertighaus-Typ FH 70) waren die angrenzenden Privatgrundstücke noch zu erwerben.

Eine Konzept-Variante des VRD-Archivs (Bestand VRD 2085, undatiert um 1975) sah das Mehrzweckgebäude noch deutlich größer als das 1986 realisierte vor: zweigeschossig, mit Mehrzwecksaal für 250 Plätze und Küche für 500 Essenteilnehmer, Kellergaragen für „zwei Barkas B 1000 und zwei PKW Wartburg” sowie eine Turnhalle 36 × 18 m in Mastenbauweise mit Brettbindern. Auch zwei alte Bestandsgebäude — ein „altes Stallgebäude” und „eine alte Scheune” — sollten dafür abgerissen werden. Realisiert wurde davon weder die Turnhalle noch die 500-Personen-Küche. Zum Personal der Baudurchführung gehörten neben Kräften der BV Halle und Leipzig auch Strafgefangene aus Bitterfeld auf vertraglicher Grundlage (→ Vereinbarung Strafvollzug Bitterfeld 1975).

Die beigefügte Lageplanskizze des Planungsbüros Dessau (11. Dezember 1974, Maßstab 1:1000) zeigt einen Masterplan, der so nie umgesetzt wurde. Sie ordnet die geplanten Neubauten an, zeigt nördlich davon einen großzügigen Sportbereich mit Hartplätzen, Laufbahn und Spielwiese sowie das Freilichttheater am nördlichen Rand — alles auf Flächen, die noch hätten erworben werden müssen. Der Badeteich ist mit 5.600 m² eingezeichnet, die Liegewiese mit 1.200 m².

1975: Trinkwasser für 500 Kinder

Parallel zur Bauplanung lief die wasserwirtschaftliche Erschließung. Ein Schreiben des VEB Wasserversorgung und Abwasserbehandlung Halle, Betriebsbereich Wittenberg, vom 21. April 1975 nennt die geplante Endausbau-Belegungskapazität von 500 Kindern und kündigt eine Standortberatung für den 28. April 1975 an. Trinkwasser sollte über eine 5,4 km lange PVC-Druckrohrleitung NW 150 vom Hochbehälter Buchholz geliefert werden — die Trasse verlief parallel zur Ferngasleitung 802 Coswig–Körbien. Regenwasser sollte direkt in den Grünen Mühlbach abgeleitet werden, Schmutzwasser über eine vollbiologische Kleinbelebungsanlage in denselben Vorfluter ca. 120 m südlich des Geländes. Die Wasser- und Abwasserinfrastruktur entstand in dieser Form — auf 500-Kinder-Kapazität ausgelegt für ein Lager, das diese Belegungszahl nie erreichte.

Zur Wasserversorgung gehörte eine Druckerhöhungsanlage an der Trasse Radis–Parnitz, primär für das MfS-Objekt Thielenheide; das benachbarte Parnitz profitierte mit. Die Anlage hatte eine eigene kleine Trafostation 100 kVA (Typ Erfurt 3, ausgelegt auf bis zu 630 kVA Reserve, 15/0,4 kV), versorgt über eine 950 m lange Anschlussleitung NAKBA 3 × 185 mm² an die 15-kV-Freileitung.

Das parallel projektierte Gasversorgungs-Konzept (überarbeitet im Mai 1976 durch den VEB Projektierung und Technologie Halle, PB 3 Dessau, Nachtragsprojekt vom 12. Mai 1976 an die Sicherheitsinspektion des VEB Energiekombinat West) zeigt einen scharfen Sprung im Bedarf: 70 m³/h für die noch als Provisorium dienende ehemalige Jugendherberge plus rund 250 m³/h für die neue Kesselanlage — eine Verzehnfachung gegenüber der ursprünglich für die Bauphase beantragten Erstausstattung. Versorgt wurde das Objekt über einen 8 m langen Hochdruck-Anschluss NW 80 an die Ferngasleitung FGL 302, einen Gasreglerschrank Typ BS 300/25 vom VEB Gaselan Fürstenwalde (Druckreduzierung von 10 kp/cm² auf 200 mm WS) sowie Niederdruckleitungen NW 80 und NW 150 zu den Kesselstandorten.

1978: Baustopp zugunsten eines anderen MfS-Projekts

Die Rückseite eines Bauinvestitionsplans vom 22. August 1978 hält den Einschnitt in wenigen Zeilen fest:

Das Bauvorhaben KFL Parnitz wurde mit Wirkung von 1.7.1978 abstimmungsgemäß zugunsten des „Territoriallagers und Ausleihstützpunktes Süd” vorübergehend eingestellt. Es besteht die Absicht, die Fortführungsarbeiten zum Planbestandteil des Perspektivplanes 1981–85 zu erheben. Die nicht benötigten Mittel des Jahres 1978 in Höhe von 494,- TM werden mit vorliegender Mittelfreigabe frei gemeldet.

Ein anderes MfS-Vorhaben hatte Vorrang. Von den 6.060 TM des 2. Bauabschnitts waren bis dahin 1.442,2 TM verbaut worden.

1982: Vier Etappen — eine Vision, die nie realisiert wurde

Vier Jahre nach dem Baustopp formulierte die Abteilung Rückwärtige Dienste der BV Halle am 6. August 1982 eine neue Aufgabenstellung für das Kinderferienlager Parnitz mit dem Ziel, die Kapazität auf 200 Kinder + 20 Erwachsene zu erhöhen und ganzjährige Nutzung zu ermöglichen. Das Konzept gliederte sich in vier Etappen, die in ihrer Detailfreude nicht für ein Pionierferienlager, sondern für eine pädagogische Vollanstalt sprechen:

  • Etappe 1: Heizleistungs-Erhöhung; Spielbereich mit Indianerdorf, Kegelbahn, Tischtennisplatten und Luftgewehrschießstand; Ausbau des Teiches zu Waldbad und Liegewiese
  • Etappe 2: Aufstockung der beiden massiven Unterkünfte auf insgesamt 200 Kinderplätze; Neubau eines Heizhauses auf Festbrennstoffbasis; Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude mit 250-Portionen-Küche, 7 Wohnräumen und 7 Arbeitsräumen für die Lagerleitung, Mehrzwecksaal mit 250 Sitzplätzen
  • Etappe 3: Medizinisches Gebäude mit Wartezimmer, Arzt- und Schwesternzimmer, Krankenzimmer, Isolierzimmer und 13 Zweibettzimmern für Sicherstellungskräfte; Appellplatz für Film- und Kulturveranstaltungen; Umfunktionierung des bisherigen Wirtschaftsgebäudes zu einem Pionierzentrum mit Räumen für Arbeitsgemeinschaften, Traditionskabinett und Lagerfunk
  • Etappe 4: Garagenkomplex mit 2 P74, 1 B1000, 1 Multicar, Waschhalle, Werkstatt und Löschgeräten

Realisiert wurden später nur Teile von Etappe 1 (Badeteich) und Etappe 2 (Bungalowsiedlung statt Unterkunfts-Aufstockung, Mehrzweckgebäude statt Wirtschaftsgebäude) — beide stark verändert (→ Modernisierung 1983–87). Indianerdorf, Kegelbahn, Luftgewehrschießstand, Pionierzentrum und Garagenkomplex blieben Konzept-Papier. Eine Festbrennstoff-Heizungsanlage wurde 1983 nicht weiterverfolgt; stattdessen wurde 1985 die bestehende Gasanlage rekonstruiert und 1989 ein zusätzliches Gas-Heizhaus mit Stahlblechschornstein errichtet (→ Heizhaus 1989).

Was gebaut wurde — und was nicht

Vieles aus dem Plan wurde tatsächlich realisiert, wenn auch nicht immer im geplanten Umfang oder Zeitrahmen: die Lagerwache (Bungalow „Ziegelroda”), der Umbau der alten Försterei als Lagerleitung und medizinische Einrichtung, der Treppenhausanbau am Jagdhaus Rohrberg sowie der Aufbau einer touristischen Außenstation auf dem Gelände Forsthaus Thielenheide. Die heute als Unterkunfts- und Seminargebäude genutzten Neubauten entstammen ebenfalls dieser Epoche.

Was hingegen auf dem Planungspapier blieb, waren die Elemente, die neues Privatgelände erfordert hätten: das Freilichttheater mit 400 Plätzen und die vollständige Sportanlage mit Laufbahn, Sprunggrube und zwei Hartplätzen. Die Lageplanskizze zeigt sie nördlich der Unterkunftsgebäude — auf einem Areal, das nie erworben wurde.

1 Fotos — zum Vergrößern anklicken

Quelle: Bundesarchiv / BStU, MfS BV Halle RD Sach-Nr. 408 + 414 + 426 + 522 + 651 + 802; MfS VRD Nr. 2085; MfS Liegenschaften 2770 Bd. 4

Dokument 1975

Vereinbarung mit dem Strafvollzug Bitterfeld 1975 — eine offene Forschungsfrage

In den Aufbau-Konzeptionen für das MfS-Ausbildungs- und Pionierferienlagerobjekt Parnitz aus dem Jahr 1975 — überliefert im Aktenbestand der Verwaltung Rückwärtige Dienste — taucht eine Personalplanung auf, die einen blinden Fleck der Geländegeschichte berührt: die Heranziehung von Strafgefangenen aus Bitterfeld für die Bautätigkeit.

Was die Akte sagt

Im Konzeptpapier zur Realisierung des Kinderferienlagers Parnitz (BStU, MfS VRD Nr. 2085 / BV Halle RD 408) heißt es zur Personalmischung der Baudurchführung wörtlich:

Die Baudurchführung ist mit folgenden Kapazitäten geplant:

  • Arbeitskräfte des Zuges R.D. der BV Halle
  • Arbeitskräfte der BV Leipzig (vorwiegend Kraftfahrer und Bewachungskräfte)
  • Arbeitskräfte in nebenberuflicher Tätigkeit
  • Arbeitskräfte des Strafvollzuges ca. 25–30 AK

Wenige Absätze später wird die Liste der vertraglichen Partner aufgezählt, mit denen das MfS für den Aufbau zusammenarbeitete:

Vertragliche Beziehungen gibt es gegenwärtig zum Projektierungsbetrieb, dem VEB Wasserversorgung und Abwasserbehandlung Halle sowie eine Vereinbarung mit dem Strafvollzug Bitterfeld über die Bereitstellung von Strafgefangenen.

Damit ist der Befund deutlich mehr als eine bloße Planungsangabe: Zum Zeitpunkt der Konzepterstellung bestand eine vertragliche Vereinbarung mit dem Strafvollzug Bitterfeld über die Bereitstellung von Häftlingen für die Bauarbeiten in Parnitz. Wie viele Strafgefangene am Ende über welche Zeiträume tatsächlich eingesetzt wurden, lässt sich aus dem Konzeptpapier nicht ableiten — die Zahl von 25–30 Arbeitskräften (AK) ist eine Plangröße.

Historische Einordnung

Strafgefangenenarbeit war in der DDR rechtlich verankert: § 18 des Strafvollzugsgesetzes von 1968 schrieb eine Arbeitspflicht für Häftlinge fest, die nicht verweigert werden konnte. Die Bezahlung lag bei wenigen Pfennig pro Stunde, vom geringen Lohn wurden Haftkostenbeiträge abgezogen. Die Verteilung der Häftlinge auf volkseigene Betriebe oder behördliche Bauprojekte erfolgte zentral; Häftlingsarbeitseinsätze für das MfS und seine Liegenschaften liefen unter besonderer Geheimhaltung.

Bundesrepublik, Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und Bundesregierung haben dieses System nach 1990 als Zwangsarbeit im Sinne der ILO-Konvention 29 eingestuft — wesentliche Merkmale waren:

  • Arbeit unter Strafandrohung erzwungen, ohne Möglichkeit der Verweigerung
  • Keine freie Wahl der Beschäftigung
  • Produkte vielfach zu Markt- und Exportpreisen veräußert, ohne dass die Gefangenen einen fairen Anteil erhielten
  • Politische Gefangene (laut Bundesstiftung Aufarbeitung mindestens 250.000 zwischen 1949 und 1989) waren besonders betroffen

Vor diesem Hintergrund wäre ein realisierter Einsatz der über die Bitterfelder Vereinbarung bereitgestellten Häftlinge in Parnitz nach heutigem Verständnis Zwangsarbeit — unabhängig davon, ob es sich um politische oder kriminelle Gefangene handelte. Die in der Akte ausdrücklich genannte Vereinbarung verschiebt den Befund von einer abstrakten Planungsangabe auf die Ebene dokumentierter behördlicher Praxis.

Bezugspunkt Strafvollzugsanstalt Bitterfeld

Die in der Akte genannte Strafvollzugsanstalt liegt im Kreis Bitterfeld, nur rund 30–40 km westlich von Parnitz — eine räumliche Nähe, die den logistischen Einsatz von Häftlingsbrigaden in Parnitz erlaubte. Die JVA Bitterfeld war über Jahrzehnte eine größere DDR-Haftanstalt mit angeschlossenen Arbeitseinsätzen für Industrie und Bauwesen in der Region. Zum konkreten Einsatzprofil der Bitterfelder Häftlinge in MfS-Projekten gibt es bislang wenig publizierte Forschung.

Was wir nicht wissen

Aus der vorliegenden Aktenüberlieferung lässt sich nicht beantworten:

  • ob und in welchem Umfang die vereinbarten Häftlingsleistungen tatsächlich abgerufen wurden
  • welche konkreten Bauarbeiten den Strafgefangenen zugewiesen wurden — Erd- und Tiefbau, Maurer-, Zimmer-, Maler- oder Hilfsarbeiten
  • über welche Zeiträume sich die Einsätze erstreckten und wie viele Brigaden eingesetzt wurden
  • ob es sich um politische oder kriminelle Gefangene handelte (oder eine Mischung)
  • unter welchen Aufsichts-, Unterbringungs- und Sicherheitsmaßnahmen die Häftlinge auf das MfS-Gelände gebracht wurden

Forschungsfragen — weiteres Vorgehen

Eine belastbare Antwort braucht zusätzliche Quellen, die hier auf der Website nicht erschöpft sind. Wer Hinweise hat oder Recherche-Wege weiß, ist herzlich eingeladen, sich zu melden:

  • Bundesarchiv — Bestände zur DDR-Strafvollzugsverwaltung (insbesondere DO 1 — Ministerium des Innern, DM 1 — Justizministerium) sowie Bautagebücher und Lohnabrechnungen der für KFL Parnitz tätigen Bau- und Montagebetriebe
  • Stasi-Unterlagen-Archiv — Akten zu Arbeitseinsätzen von Strafgefangenen unter MfS-Aufsicht
  • Akten der JVA Bitterfeld und entsprechender Vorgängerinstitutionen, soweit überliefert
  • Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur und einschlägige Forschungseinrichtungen
  • Zeitzeugen-Befragung — sind ehemalige Strafgefangene, Bewachungspersonal, Bauarbeitende oder Anwohner aus der Bauphase 1975–78 noch greifbar, die sich an Häftlings-Bautätigkeit in Parnitz erinnern?

Wir möchten diese Frage offen halten, statt aus der dokumentierten Vereinbarung eine pauschale Aussage über die spätere Bausubstanz abzuleiten. Gleichzeitig gehört der Hinweis nicht unter den Tisch — er ist ein zentraler Teil der kritischen Befassung mit der MfS-Phase des Geländes.


Hinweise und Ergänzungen — gerade aus regionaler Forschung, aus dem Umfeld der JVA Bitterfeld oder von Zeitzeugen — sind willkommen.

Quelle: Bundesarchiv / BStU, MfS VRD Nr. 2085; MfS BV Halle RD Sach-Nr. 408

Video 1976/77

Tag der Tscheka — Pionierpanzerbrigade im MfS-Objekt Parnitz

Das Filmmaterial zeigt eine Veranstaltung, die den Charakter des Geländes in konzentrierter Form sichtbar macht: die Vorführung der „Pionierpanzerbrigade” der „Station Junger Touristen” Bad Schmiedeberg im Mehrzweckobjekt des MfS in Parnitz — nach Zeitzeugenangaben um 1976 oder 1977.

Der Anlass: „Tag der Tscheka”

Die Vorführung findet anlässlich des „Tages der Tscheka” statt — eines internen MfS-Gedenktages, der an die Gründung der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka erinnert, dem erklärten Vorbild des Ministeriums für Staatssicherheit. Der Lagerdurchgang ist ausschließlich für Kinder hauptamtlicher Mitarbeiter der Stasi vorgesehen.

Die Kinderpanzer

Die motorisierten Miniaturpanzer — Nachbauten des sowjetischen T-34 — wurden mit Unterstützung des VEB Kombinat Agrochemie Piesteritz in der Lutherstadt Wittenberg hergestellt. Im Film ist zu sehen, wie mehrere Kinder gleichzeitig auf dem Sport- und Appellplatz fahren, je zwei Kinder pro Fahrzeug, nummeriert im Konvoi, beobachtet von Zuschauern am Rand. Im Hintergrund ist das Unterkunftsgebäude des Lagers zu erkennen.

Das Tagesprogramm

Neben der Panzervorführung fanden an diesem Tag weitere Aktivitäten statt, die den militärisch-patriotischen Charakter des Lagers unterstreichen:

  • Militärische Geländespiele
  • Militärsportliche Übungen
  • Ausbildung an militärischem Gerät (Kleinkaliberwaffe, chemische Ausrüstung, Handgranaten-Weitziehwurf)

Einordnung

Der „Tag der Tscheka” als Festtag, Kinderpanzer vom VEB Industriebetrieb, ein Programm mit Handgranatenwurf und Gasmaskenübung — all das für Kinder im Grundschul- und Jugendalter, deren Eltern für den Staatssicherheitsdienst arbeiteten: Das Filmmaterial ist ein seltenes Zeugnis der Erziehungspraxis in der abgeschlossenen Welt des MfS, in der Parnitz von 1972/73 bis 1990 eine Rolle spielte.

Quelle: Bundesarchiv / BStU, Stasi-Unterlagen-Archiv

Zeitzeugenbericht 1975–1989

Zeitzeugenbericht — Alltag im Pionierferienlager Parnitz

Zeitzeugen, die das Lager als Kinder oder Jugendliche erlebt haben, berichten über den Alltag und die Strukturen im Pionierferienlager „Feliks E. Dzierzynski”. Wie das Gelände von außen wirkte — abgeriegelt, weiträumig durch Wachposten gesichert — schildert ergänzend die Außenperspektive (→ Die Abschottung — wie das Lager von außen erlebt wurde).

Die drei Lagerfreundschaften

Das Lager war in drei sogenannte Lagerfreundschaften aufgeteilt. Die älteren Jugendlichen waren in den Unterkunftsgebäuden im unteren Teil des Geländes untergebracht. Die Kinder dagegen oben — beim Mehrzweckgebäude und in den Bungalows.

Feldküchen im Sommer

Die Küche im Forsthaus reichte nicht aus, um die gesamte Lagerbelegung zu verpflegen. Im Sommerbetrieb wurden deshalb zusätzlich Feldküchen im Freien aufgestellt — eine Praxis, die sich auch im MfS-Planungsdokument zur Umgestaltung (BV Halle RD 2457) widerspiegelt, das ausdrücklich „Feldkochtechnik” für die Sommersaison vorsieht.

Die Kommandantenbude — und Oberst Gerstung

Ein besonderes Kapitel war die sogenannte Kommandantenbude: ein separates Gebäude auf dem Gelände, in dem der Kommandant des Lagers residierte. Sein Name war Oberst Gerstung. Das Gebäude war für die Kinder tabu — niemand durfte dorthin, und die wenigsten haben es je von innen gesehen.

Unter den Kindern kursierten Erzählungen über eine Unterkellerung des Gebäudes, die vom Kommandanten selbst nie bestätigt oder dementiert wurde. Die Kommandantenbude hatte einen eigenen Zentralheizungsanschluss und galt als ausgesprochen komfortabel ausgestattet — quasi eine Datsche auf Kosten des Dienstes. Gerstung ließ sich in der Lagerkantine verpflegen, hielt sich ansonsten aber abseits.

Ein Nutzungsvertrag aus den MfS-Unterlagen (BStU, MfS Liegenschaften 2770, Bd. 1) belegt, dass ein leitender Offizier der BV Halle einen Bungalow auf dem Gelände tatsächlich zur privaten Erholungsnutzung — und explizit zur Jagd in der Dübener Heide — in Anspruch nahm. Dass es sich dabei um dieselbe „Kommandantenbude” handelt, belegen die übereinstimmende Lage auf dem Lageplan und der noch heute erhaltene unterkellerte Badraum — genau jene Unterkellerung, von der die Kinder im Lager munkeln hörten.

Petra Pau in Parnitz

Nach Zeitzeugenangaben absolvierte die spätere Bundestagsabgeordnete Petra Pau (Die Linke, geb. 9. August 1963) in Parnitz ihre Gruppenleiter-Pionierausbildung. Sie wäre damit Ende der 1970er Jahre als Jugendliche auf dem Gelände gewesen.

Grundausbildung im Mehrzweckobjekt

Das Objekt Parnitz diente nicht nur als Ferienlager. Im sogenannten Mehrzweckobjekt wurde nach Zeitzeugenberichten unter anderem die Grundausbildung durchgeführt — ein weiterer Hinweis auf den militärisch-paramilitärischen Charakter der Einrichtung jenseits des offiziellen Ferienbetriebs.


Dieser Bericht basiert auf mündlich überlieferten Erinnerungen. Korrekturen, Ergänzungen und weitere Zeitzeugenberichte sind willkommen.

Quelle: Gespräch im Mai 2025 mit dem ehemaligen Lagerleiter (1974–1989); Bundesarchiv / BStU, MfS Liegenschaften 2770 Bd. 1 + MfS BV Halle RD Sach-Nr. 2457

Zeitzeugenbericht 1972–1989

Die Abschottung — wie das Lager von außen erlebt wurde

Während im Inneren ein Pionierferienlager mit Sommerbetrieb für Kinder lief (→ Alltag im Pionierferienlager), erlebten die Menschen in der Umgebung das Gelände vor allem als abgeriegelt. Heimatchronist Herbert Meyer erinnert sich an mehrere Versuche, dem Ort näherzukommen — und an die unmissverständlichen Zurückweisungen.

Die Postenkette

Schon weit vor dem eigentlichen Gelände begann der Sicherheitsring. Bei einem Spaziergang in Richtung Parnitz mit seiner damaligen Verlobten trafen Meyer und sie auf die Postenkette — Wachposten weiträumig vorgelagert. „ich bin mal mit meiner meiner Frau hier hochgelaufen, ‘n Stück. Viel weiter sind wir gar nicht gekommen, dann kamen schon die Wachposten — das war die sogenannte Postenkette. Zurück, zurück, zurück.” Man durfte nicht nur nicht aufs Gelände, sondern gar nicht erst in die Nähe. „Es war schon weiträumig abgesperrt.”

Pilzsucher im Wald

Auch in den umliegenden Wäldern war Bewegung kontrolliert: Pilzsucher, die zu nah kamen, wurden von uniformierten Posten — Soldaten oder Polizei — aufgehalten und mussten umkehren.

Handwerker mit Tunnelblick

Wo äußere Hilfe technisch unverzichtbar war, blieb die Einschränkung sichtbar. Als einmal das Notstromaggregat ausfiel, wurde ein Elektriker aus der Region gerufen. Er durfte nur in den einen Raum, in dem das Aggregat stand — „nicht rechts, nicht links, am besten nicht anhalten” — und auf direktem Weg wieder hinaus. Vom übrigen Gelände sah er nichts.

Was nach außen drang, war wenig

Über die knapp zwei Jahrzehnte MfS-Nutzung (1972/73 bis 1990) haben sich kaum Bilder, Berichte oder Anekdoten aus erster Hand erhalten. Die Wahrnehmung der Anwohnenden beschränkte sich auf die Phänomene am Rand: Posten am Waldweg, Fahrzeuge auf den Zufahrtsstraßen, gelegentliche Übungen mit Fahrzeugen und Soldaten im Sommer, Karten- und Planspiele in den Wintermonaten, im Sommer zusätzlich die Kinderbelegung. Das Innenleben blieb verborgen — bis es 1990 endete.


Dieser Bericht basiert auf Erinnerungen des Heimatchronisten Herbert Meyer im Gespräch vom 29. Januar 2022. Ergänzungen aus weiteren Anwohner-Perspektiven sind willkommen.

Quelle: Gespräch mit Heimatchronist Herbert Meyer, 29. Januar 2022

Dokument 1979

Privater Bungalow im Dienstobjekt — Nutzungsvertrag 1979

Ein Konvolut aus Antragsbrief, Nutzungsvertrag und Lageplan dokumentiert, wie ein leitender MfS-Offizier einen Bungalow auf dem Gelände des Objekt Parnitz zur privaten Erholungsnutzung übernahm.

Der Antrag

Am 10. Mai 1979 wendet sich ein Oberstleutnant, Leiter der Abteilung Rückwärtige Dienste der BV für Staatssicherheit Halle, schriftlich an die Verwaltung Rückwärtige Dienste des MfS in Berlin: Er bitte um Genehmigung zur privaten Nutzung eines Bungalows und Schuppens im Objekt Parnitz — bei dem es sich um „ehemaliges Eigentum der Familie [geschwärzt]” handele. Zur Begründung gibt er an, er habe die Absicht, „sich im Bereich der Dübener Heide jagdlich zu betätigen”, und sei daher an der Nutzung interessiert. Gleichzeitig beantragt er für den Fall eines späteren Abrisses das Vorkaufsrecht für die Abrissmaterialien.

Der Name des Antragstellers ist in den überlieferten Unterlagen geschwärzt. Handschriftliche Vermerke auf dem Brief belegen, dass er in Berlin bearbeitet und weitergeleitet wurde; ein roter Eingangsstempel datiert auf den 14. Mai 1979.

Der Nutzungsvertrag

Der beiliegende Nutzungsvertrag regelt die Bedingungen im Detail:

  • Grundstück: ca. 1.200 m² auf Flurstück 89/1, Flur 7, Gemeinde Ateritz — derselben Flur wie das Hauptgelände des Objekt Parnitz
  • Bebauung: Bungalow (ca. 52 m²) und Holzschuppen (ca. 18 m²)
  • Nutzungszweck: persönliche Erholungsnutzung
  • Nutzungsentgelt: M 38,15 monatlich, direkt vom Gehalt des Nutzers abgezogen
  • Laufzeit: unbegrenzt, kündbar mit einer Frist von einem Monat (durch den Nutzer) oder drei Monaten (durch den Rechtsträger aus dienstlichen Gründen)

Dem Vertrag liegt ein handgezeichneter Lageplan im Maßstab 1:500 bei, der die Lage von Bungalow und Schuppen auf dem Grundstück zeigt.

Einordnung

Das Dokument gibt einen seltenen Einblick in die Praxis der MfS-internen Ressourcenverteilung: Ein hochrangiger Offizier der Bezirksverwaltung nutzte ein dem Staatssicherheitsdienst gehörendes Grundstück — enteignetes Privateigentum — als persönlichen Jagd- und Erholungsstützpunkt, formell auf Vertragsbasis und gegen Miete. Die Nähe zur Dübener Heide als Jagdrevier war dabei ausdrückliches Motiv.

Der Zeitzeugenbericht zur DDR-Zeit des Lagers schildert eine „Kommandantenbude” auf dem Gelände, die für die übrigen Lagerbewohner tabu war und als ausgesprochen komfortabel beschrieben wird. Die übereinstimmende Lage auf dem Lageplan und der noch heute im Gebäude erhaltene unterkellerte Badraum — von dem Kinder im Lager munkeln hörten — sprechen stark dafür, dass es sich um denselben Bungalow handelt. Eine endgültige aktenmäßige Identifizierung steht noch aus.

Die Jagdnutzung dieses Bungalows fügt sich in ein größeres Muster ein — siehe → Jagdgäste — die Stasi-Jagd in Parnitz.

Quelle: BStU, Stasi-Unterlagen-Archiv — MfS Liegenschaften 2770, Bd. 1

Zeitzeugenbericht 1972–1989

Jagdgäste — die Stasi-Jagd in Parnitz

Neben Schulung und Kinderferienlager wurde das Gelände auch zur Jagd genutzt — zumindest punktuell, durch Personen aus dem MfS-Umfeld und einzelne privilegierte zivile Gäste. Anders als die Schulungs- und Lagerfunktion, für die ausführliche Aktenüberlieferung vorliegt, ist die Jagdnutzung dokumentarisch dünn — ein einzelner Nutzungsvertrag aus den BStU-Akten, dazu Erinnerungen aus dem Umfeld. Wie regelmäßig und in welchem Umfang gejagt wurde, lässt sich aus den vorhandenen Quellen nicht abschließend bestimmen.

Dokumentierter Jagdbezug: der Nutzungsvertrag von 1979

Bereits aktenmäßig belegt ist die Inanspruchnahme eines Bungalows samt Schuppen durch einen leitenden MfS-Offizier der BV Halle ausdrücklich zur jagdlichen Nutzung in der Dübener Heide (→ Bungalow-Nutzungsvertrag). Lage und Komfort dieses Bungalows passen zur später so genannten „Kommandantenbude” — dem von den Lagerkindern als unantastbar erlebten Sondergebäude des Lagerkommandanten (→ Alltag im Pionierferienlager).

„Ganz hohe Tiere”

Bernd Walter, der das Gelände 2001 als neuer Eigentümer übernahm, fasst die ihm überlieferte Atmosphäre salopp und mit deutlicher Verachtung zusammen: „Stasi-Spaßobjekt. Jagd … da waren doch ganz hohe Tiere” (→ Die Brüder Walter — Übernahme des Geländes 2001).

Heimatchronist Herbert Meyer kann diese Wahrnehmung konkretisieren. Er nennt Hans-Joachim („Achim”) Böhme — von 1980 bis 1989 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Halle und selbst Jäger — als Jagdgast in Parnitz.

Privilegierter ziviler Zugang

Über die MfS-Bediensteten hinaus konnten auch einzelne zivile Personen das ansonsten streng abgeriegelte Gelände zur Jagd betreten — ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Geheimhaltung die Privilegierung an dieser Stelle nicht überdeckte. Meyer nennt den damaligen Parteisekretär des Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebs Tornau/Thielenheide, der als Jagdgast eingeladen wurde und das Innere des Objekts kannte. Andere bevorzugte Personen seien aus parteilichen Erwägungen ebenfalls eingeladen worden.

Quellenlage

Schulung und Kinderferienlager sind in den Akten der BV Halle ausführlich dokumentiert. Die Jagdnutzung dagegen ist primärdokumentarisch dünn — ein einzelner Nutzungsvertrag (1979), dazu mündliche Überlieferungen aus dem Umfeld. Für eine belastbare Aussage zu Häufigkeit, Gästekreis oder organisatorischer Einbindung der Jagd in den Lagerbetrieb fehlen Aktenbelege wie Jagdtermine, Abschusspläne oder Einladungslisten. Die hier zusammengetragenen Hinweise zeigen, dass gejagt wurde, lassen aber offen, wie regelmäßig und in welchem Rahmen.

Quelle: Gespräch mit Heimatchronist Herbert Meyer, 29. Januar 2022; Telefonat Bernd Walter / Susanne Reuter, 5. Mai 2021; BStU, MfS Liegenschaften 2770, Bd. 1

Dokument 1980–1984

Sicherheit im Mehrzweckobjekt — Lageberichte 1980–1984

Drei Dokumente aus den Jahren 1980 bis 1984 — eine handschriftliche Sicherheitskonzeption, ein Kontrollbericht und ein Schreiben der Abteilung Kader und Schulung — zeichnen nach, wie das MfS die Sicherheitslage im Mehrzweckobjekt Parnitz schrittweise zu verbessern versuchte.

1980: Sicherheitslage „absolut nicht ausreichend”

Die handschriftliche Sicherheitskonzeption vom 10. März 1980, verfasst vor Ort in Parnitz, hält unmissverständlich fest:

Das Objekt Parnitz u. Thielenheide ist als Schulungsobjekt der BV Halle u. Leipzig ganzjährig mit Lehrgängen belegt. Der Stand der Sicherheit ist z. Zeit absolut nicht ausreichend.

Das Objekt wurde also nicht nur von der Bezirksverwaltung Halle, sondern auch von der BV Leipzig genutzt — ganzjährig, für operative Lehrgänge. Gleichzeitig fehlten die elementarsten Sicherheitsvorkehrungen: keine ständige Wache (Bewachung nur 1. Juli bis 30. August, d. h. während des Kinderferienlagers), kein Zaun, Gebäude leicht zugänglich.

Das Dokument enthält konkrete Abhilfemaßnahmen: ein 2 Meter hoher Zaun mit Abweisern nach außen und Scheinwerfern entlang des Zauns, die Prüfung des Einsatzes eines Diensthundes an einer Laufleine, eine akustische Warnanlage im Wachbungalow (mit Kontakten an Türen und Fenstern, gespeist von der Telefonanlage, Kosten: ca. 450 Mark) sowie Sicherheitsschlösser und Stahlgitter in sämtlichen Gebäuden — Neubauten, Forsthaus und dem Bungalow, in dem Lebensmittel gelagert wurden. Handwerker und externe Firmen sollten vorab durch die Kreisdienststelle Wittenberg überprüft werden; im Objekt war ein Buch über alle Anwesenheiten zu führen.

1982: Waffenkammer im Keller, neue im Neubau II

Ein Kontrollbericht vom 8. September 1982, erstellt von zwei Majors der Abteilung Kader und Schulung während eines Grundlehrgangs der WSE (Wachschutzeinheit) im Objekt, dokumentiert den Stand der Waffensicherung. Die bestehende Waffenkammer im Keller wurde als ordnungsgemäß bewertet: Postenbewachung, geregelte Ausgabe und Einnahme der Waffen mit klaren Regimeverhältnissen. Parallel wurden Maßnahmen für eine neue, vorschriftsmäßige Waffenkammer in Neubau II festgelegt — Vergitterung von Fenstern und Tür, zu realisieren innerhalb von 14 Tagen.

Als übergeordnete Sicherheitsmaßnahmen schlugen die Kontrolleure vor: eine lückenlose Umzäunung des Geländes (Baumaterialien sollten u. a. aus dem Objekt Dehmsee umgelagert werden) sowie eine wöchentlich rotierende Wachgruppe der BV Halle bzw. Leipzig zur dauerhaften Objektsicherung.

1984: Der Doppelcharakter in einem Satz

Ein Schreiben der Abteilung Kader und Schulung vom 2. April 1984 benennt das eigentliche Dilemma: Die Schulungsräume in den Neubauten waren nur durch verglaste Pendeltüren gesichert — Urlauber, Zivilisten und Bauarbeiter bewegten sich im Objekt, und das Abhören laufender Beratungen war ohne weiteres möglich. Die Lösung: abschließbare Türen in mindestens je einem Schulungsraum pro Neubau. Und dann, in einem beiläufigen Nebensatz:

Sollten diese während des Kinderferienlagers stören, können sie vorübergehend wieder entfernt werden.

Die Geheimdienstschule und das Ferienlager für Stasi-Kinder — beides im selben Gebäude, mit demselben Mobiliar, nur eben zu verschiedenen Jahreszeiten.

Thielenheide — ein weiteres MfS-Objekt

Die Sicherheitskonzeption von 1980 nennt Parnitz und Thielenheide in einem Atemzug als gemeinsam genutztes Schulungsobjekt. Thielenheide war kein ziviler Ausflugsort, sondern ebenfalls ein MfS-Objekt — ca. 4 bis 5 Kilometer von Parnitz entfernt. Im Aufbaukonzept der BV Halle vom 13. Dezember 1974 ist das Gelände dort als „touristische Außenstation” mit Renovierung des Forsthauses, Stallgebäudes und Anlegen eines Wildgeheges geplant — ausdrücklich als Jugendobjekt der FDJ in der BV Halle. Ein Aktenvermerk vom 23. Juli 1982 konkretisiert die Ausstattung: Mehrzweckraum für 50 Personen, Aufbereitungsküche, Übernachtungsmöglichkeiten für 40 Kinder + 5 Betreuer, im Mehrzweckraum „Ausgestaltung mit Wildtrophäen und landwirtschaftlichen Arbeitsgeräten”, erhaltenswerte Voliere und Zeltplatz auf dem ehemaligen Tiergehege. Die Handreichung für Gruppenpionierleiter (um 1983) listet das Gelände später als Wanderziel der Pionierlager-Kinder — ein durchgehender Verwendungsstrang von der frühen Konzeption bis zum aktiven Lagerbetrieb.

Trafostationen und Notstromanlage

Beide MfS-Objekte hatten eigene 630-kVA-Trafostationen (Parnitz 124-2718, Thielenheide 124-2708, je 15/0,4 kV), die durch eine MfS-eigene Mittelspannungs-Erdverkabelung verbunden waren. Eine Prüfbescheinigung der Technischen Überwachung des MfS vom 11. Juli 1978 (Nr. 57/78) hielt sieben Mängel fest — darunter den Hinweis: „Die Netzersatzanlage ist funktionsfähig zu gestalten.” Das objekteigene Dieselnotstromaggregat war zu dieser Zeit nicht einsatzbereit und musste, wie ein Vermerk von 1981 trocken festhält, „dringend überprüft werden, springt kaum an.” Das im Übergabeprotokoll 1990 noch geführte transportable 50-kVA-Aggregat (→ Übergabe 1990) war das Ergebnis dieser Sanierung. 1983 vollzog das MfS einen Rechtsträgerwechsel: Bauliche Hülle und Trafoausrüstung der beiden Stationen gingen an den VEB Energiekombinat Halle über, die Niederspannungs-Verkabelung blieb in MfS-Hand.

Erinnerung an die zivile Fernmeldeinfrastruktur

Über die formellen Sicherheitsplanungen hinaus berichtet Heimatchronist Herbert Meyer, dass die bestehende lokale Fernsprechleitung der Gaststätte Ochsenkopf in Richtung Oppin am Gelände entlang verlief; nach seiner Angabe sei die Leitung vom MfS abgehört worden. Über Anwohner, die das MfS als „feindlich gesinnt” eingestuft habe, seien zudem Erkundigungen eingezogen worden. Beide Punkte beruhen ausschließlich auf der Erinnerung des Zeitzeugen und sind aktenmäßig nicht belegt — sie sollten entsprechend zurückhaltend gelesen werden (→ Die Abschottung — wie das Lager von außen erlebt wurde).

Quelle: Bundesarchiv / BStU, MfS BV Halle AGL Sach-Nr. 403; MfS BV Halle RD Sach-Nr. 408 + 522 + 671

Dokument 1980–1987

Bauen am Plan vorbei — die Modernisierung 1983 bis 1987

Zwischen 1983 und 1987 entstand auf dem Gelände fast alles, was es zuvor nicht gegeben hatte: zwanzig Bungalows, das Mehrzweckgebäude, ein sanierter Badeteich, ein Sportplatz und ein Ehrenhain. 1,2 Millionen Mark in vier Jahren — gebaut am regulären Bauinvestitionsplan vorbei.

November 1980: Der Vorschlag prallt am System ab

Im Herbst 1980 schlug ein Hauptmann der BV Halle vor, in Parnitz ein Mehrzweckgebäude zu errichten. Die Antwort der Abteilung Rückwärtige Dienste an die Berliner Zentrale fiel nüchtern aus:

Da es sich um einen Neubau handelt, muß das Vorhaben in den Bauinvestitionsplan eingeordnet werden. Das ist bis 1985 nicht möglich, weil die Objektliste bestätigt ist.

Klingt wie eine Ablehnung. War es aber nicht.

August 1980: Berlin öffnet einen anderen Weg

Bereits zuvor — am 31. Juli 1980 — hatte sich in einem Aktenvermerk der Verwaltung Rückwärtige Dienste in Berlin eine andere Linie abgezeichnet:

Am 31.7.1980 informierte Gen. Hptm. … dem Gen. Oberst …, dass das beabsichtigte Aufbau der Bungalows ohne Vorliegen entsprechender finanzieller Mittel aus dem Bauinvestitionsplan erfolgt.

Konsequenz im selben Vermerk: „Im Finanzierungsplan 1980 keine Mittel aufzunehmen. Keine Hilfeleistungen erforderlich.” Im Klartext: Es wird gebaut — aber außerhalb des Plans, ohne Haushaltsmittel, ohne offizielle Hilfen aus Berlin.

Wer baut, wenn der Plan nicht zahlt?

Die Konstruktion war das Nationale Aufbauwerk (NAW) — das DDR-Rahmenwerk für Bauprojekte mit gemeinwohlbezogenem Charakter, bei dem Volkseigene Betriebe Arbeitsleistungen außerhalb ihrer regulären Auftragsplanung erbrachten und außerhalb des Bauinvestitionsplans verbucht wurden.

1981/1984: Vereinbarung MfS ↔ Amt für Jugendfragen, dann formelle Grundsatzentscheidung

Grundlage des Sonderwegs ist eine Vereinbarung zwischen dem Amt für Jugendfragen beim Ministerrat der DDR und dem Ministerium für Staatssicherheit, Diensteinheit 8300, vom 30. April 1981 — auf die spätere Übergabeprotokolle und Aktenvermerke ausdrücklich Bezug nehmen. Drei Jahre später wurde der bereits laufende Bau in eine formelle Grundsatzentscheidung gegossen: „Modernisierungsmaßnahmen im Pionierferienlager ‚F. E. Dzierzynski’ Parnitz” (Vorhaben-Nr. 7713/08/), unterzeichnet vom Leiter der BV Halle, Generalmajor Schmidt. Das Dokument hält die Aufteilung der Finanzierung offen aus:

  • Gesamtinvestition: 1.207,6 TM (Tausend Mark)
  • davon 1.045 TM vom Amt für Jugendfragen beim Ministerrat der DDR — als NAW-Leistung
  • nur 162,6 TM trägt das MfS selbst

Als Projektant und Bauherr tritt damit nicht das MfS auf, sondern der Zentrale Aufbaustab beim Amt für Jugendfragen beim Ministerrat der DDR — die für Pionierferienlager-Bauten zuständige zentrale Stelle. Sämtliche späteren Bauunterlagen — von der Statik der Bungalows bis zur Elektroplanung des Mehrzweckgebäudes — tragen diesen Briefkopf. Administrativ war das schlüssig: Das Objekt war seit 1973 nicht nur Schulungs- und Ausbildungsobjekt der BV Halle (und ab 1980 auch der BV Leipzig), sondern zugleich Pionierferienlager „F. E. Dzierzynski” für Kinder von MfS-Bediensteten — eine echte Doppelnutzung, sommers für die Ferienlager, in den belegungsschwachen Monaten für Schulungen.

Fünf Maßnahmen

Die Grundsatzentscheidung listet fünf Bauvorhaben:

  1. 20 Bungalows Typ B 40/82 — laut Plan 16 für Kinder (Altersklasse 7–10), 3 für Betreuer, 1 für die Freundschaftsleitung, je 40 m². Die Siedlung entstand auf dem Areal nahe dem geplanten Mehrzweckgebäude (heute Holzplatz) — als Ersatz für das zuvor dort betriebene Zeltlager. Der Erläuterungsbericht des Zentralen Aufbaustabs (März 1983) hält das ausdrücklich fest: „Ersetzung eines Zeltlagers für 160 Kinder und 40 Betreuer durch eine Bungalowsiedlung mit dem modifizierten Typ B 40/82 des VEB Fertighausbau Wittenberge”. Im Übergabeprotokoll von 1990 sind die Bauten nach Nutzungstyp differenziert geführt: 17 Wohnbungalows und zwei Urlaubsbungalows (komfortabel ausgestattet) — der zusätzlich erfasste Bastelbungalow stammt mit Baujahr 1981 noch aus der Zeit davor (→ Übergabe an den Rat des Kreises)
  2. Mehrzweckgebäude — zweigeschossig, in Fertigteilbauweise (der ursprünglich 1975 geplante, deutlich ambitioniertere Bau mit dreigeschossigem Sozialteil war nach dem Baustopp 1978 fallengelassen worden, → Mehrzweckgebäude 1983–86)
  3. Badeteich — Sanierung mit neuer Zuleitung, Entschlammung und Nachfolgearbeiten, rund 45.000 Mark (→ Badeteich-Planung 1984)
  4. Sportplatz — Kleinfeldspielfläche mit Leichtathletikbahn (zwei bis drei Bahnen) und Zuschauertribüne
  5. Ehrenhain — Natursteinwand mit Relief-Gedenktafel für Feliks E. Dzierzynski (Namensgeber des Lagers)

Ausgangslage: 192 feste Plätze + 120 Zeltplätze. Ziel: 200 winterfähige Plätze, ganzjähriger Betrieb.

1983–1987: Realisierung am Wochenende

Eine Baubesprechung am 30. März 1983 in Parnitz hielt den konkreten Zeitplan fest. Baubeginn 8. April 1983, mit Wochenendeinsätzen — Freitagnachmittag bis Sonntagnachmittag, einzige Ausnahme der 1. Mai 1983. Acht bis vierzehn Arbeitskräfte vor Ort, im Bedarfsfall bis zu 35.

Ein Detail aus der Logistik: Vom 22. bis 24. April 1983 wurden die ersten Bungalows mit LKW 50 Pritsche vom MfS-Objekt Thielenheide nach Parnitz transportiert — die Fertigteilelemente waren dort zwischengelagert worden. Für den Beton- und Kiestransport von Wittenberg nach Parnitz stand ab dem 8. April ein LKW 50 Kipper bereit, dazu ein Kompressor der Unterabteilung Bauwesen.

Die zeitliche Abfolge der Fertigstellungen folgt der Grundsatzentscheidung nur ungefähr:

  • 1984: Badeteich saniert; Mehrzweckgebäude bauaufsichtlich zur Inbetriebnahme freigegeben (Prüfbescheid 140/84 vom 10. Juli 1984); Abriss des baufälligen historischen Stallgebäudes (Vorkriegsbau, Bauzustandsstufe 4 „Unbrauchbar”; Prüfbescheid 112/84 vom 4. Juni 1984, ausgeführt durch VEB (K) Kreisbaubetrieb Wittenberg) — die so frei gewordene Fläche wurde als Appellplatz genutzt
  • 1986: Mehrzweckgebäude fertiggestellt (laut Baujahr im Übergabeprotokoll 1990)
  • 1987: 20 Bungalows fertig
  • 1989: Letzter Bauschritt — Stahlblechschornstein am Heizhaus (→ Heizhaus-Baugenehmigung 1989)

Anschluss an die vorhandene Entwässerung

Zum ursprünglichen Bungalow-Projekt gehörte eine Mehrkammerkläranlage Typ 3 des VEB Wasserwirtschaft Halle, eigens für die Entwässerung der neuen Siedlung. Der Standort der Klärgrube war im Frühjahr 1983 im Bebauungsplan Sanitär ausgewiesen und nach einer Ortsbesichtigung mit der Abteilung Rückwärtige Dienste der BV Halle und dem Zentralen Aufbaustab neu festgelegt worden. Eine Bestätigung der Bauausführung des Zentralen Aufbaustabs vom 25. Mai 1984 dokumentiert dann die alternative Lösung: „Verzicht auf den Bau der Kläranlage. Die Entwässerungsleitung wurde am vorhandenen Netz des Objektes angeschlossen.”

Bilanz

Am Ende des Sonderwegs stand 1990 ein vollständig modernisiertes Gelände. Die NAW-Konstruktion und die Bauträgerschaft des Zentralen Aufbaustabs hatten es ermöglicht, an einem Objekt zu bauen, das im regulären Bauinvestitionsplan des MfS nicht eingeordnet werden konnte. Der Charakter des Objekts veränderte sich dadurch nicht: Es blieb, was es seit 1973 war — zugleich Schulungs- und Ausbildungsobjekt der BV Halle und Pionierferienlager für Kinder von MfS-Bediensteten.

Quelle: Bundesarchiv / BStU, MfS Liegenschaften 2770 Bd. 2 + Bd. 7; MfS BV Halle RD Sach-Nr. 408 + 522 + 2457; MfS VRD Nr. 2085

Dokument 1984

Ausbau des Teiches zum Badeteich — Planungsunterlagen 1984

Eine interne Dokumentation vom 23. März 1984, unterzeichnet vom Produktionsleiter der Meliorationsgenossenschaft Pretau, zeigt, dass das MfS in der ersten Hälfte der 1980er Jahre den Teich auf dem Lagergelände systematisch zum Badeteich ausbauen ließ.

Das Problem

Der Teich wurde von einem Graben gespeist. Da der Grabenlauf bewaldet war, erwärmte sich das Zuflußwasser kaum — zudem ließ die damalige Ablaufkonstruktion das wärmere Oberflächenwasser abfließen, statt es zu halten. Für einen nutzbaren Badeteich war eine Lösung erforderlich.

Die gewählte Lösung

Von zwei Varianten wählte die Meliorationsgenossenschaft Variante 2: Errichtung eines Staubauwerks am Einlauf und Ableitung des Grabenwassers über ein Rohrleitungssystem (NW 400) auf der Nordseite des Teiches vorbei — wartungsfreundlicher als eine Unterquerung der Teichsohle. Zwei Kontrollschächte (K 1 und K 2) ermöglichten die Steuerung: Außerhalb der Badesaison floß das Grabenwasser durch den Teich; während der Saison wurde es umgeleitet und der Teich periodisch mit Frischwasser aufgefüllt.

Weitere Maßnahmen

Neben dem Rohrleitungssystem sah die Dokumentation vor, den Teich um ca. 50 cm zu vertiefen und von ca. 750 m³ Schlamm zu befreien. Die schlammigen Erdmassen sollten auf einer Bank an der Südseite deponiert, die Böschungen mit Rasenzellenplatten befestigt werden. Ein Geländer aus Stahlrohr sowie ein Hochbord zur Ableitung von Niederschlagswasser und ein befestigter Fußweg entlang des Teiches rundeten die Planung ab.

Kosten

Der Kostenvoranschlag belief sich auf rund 45.000 Mark:

MaßnahmeKosten
Rohrleitung≈ 22.000 M
Entschlammen und Vertiefen des Teiches≈ 13.000 M
Nachfolgearbeiten (Wege, Geländer, Böschungen)≈ 10.000 M

Einordnung

Die Handreichung für Gruppenpionierleiter (um 1983) nennt eine Badestelle ca. 200 Meter vom Lager — gemeint ist dieser Teich. Die Planungsunterlagen zeigen, dass das MfS den Ausbau dieser Anlage aktiv betrieb und dafür externe Fachbetriebe beauftragte. Das dem Dokument beigefügte Katasterblatt verortete Teich, Weg, Rohrleitungsführung und Kontrollschächte präzise im Gelände.

Quelle: Bundesarchiv / BStU, MfS Liegenschaften 2770, Bd. 2, Seiten 23–27

Dokument 1983–1986

Das Mehrzweckgebäude — Bau und Abnahme 1983 bis 1986

Das Mehrzweckgebäude — heute das markante Gebäude mit dem hohen Satteldach auf dem Lagergelände — entstand erst Mitte der 1980er Jahre, nach dem Baustopp von 1978. Die Bauakte im BStU-Bestand dokumentiert Planung, Genehmigung und Abnahme des Gebäudes, das noch heute steht.

Ein verworfener Vorgänger-Plan von 1975

Der heutige Bau ist nicht der erste Entwurf für ein Mehrzweckgebäude an dieser Stelle. Ein Baugrundgutachten vom 23. Oktober 1975 des VEB Projektierung und Technologie Halle (Projekt-Nr. 530-1969-06) beschreibt eine deutlich ambitioniertere Anlage: drei verbundene Gebäudeteile aus Saal, Küche und einem dreigeschossigen „Sozial- bzw. Bettenteil” — letzterer hätte also auch Schlafräume aufgenommen. Bauweise: traditionelles Mauerwerk mit Montagedecken (F-Decke), Aussteifung durch Quer- und Längswandscheiben, Dachkonstruktion über dem Saal aus Holznagelbindern. Die Gründung war auf Streifenfundamenten mit 5–15 Mp/m Belastung vorgesehen, die Pfeiler im Saalteil auf 2 Mp ausgelegt. Standort: eine gerodete Waldfläche mit südlichem Gefälle. Dieser Plan wurde nach dem Baustopp von 1978 (→ Bauplanung & Baustopp 1974–1978) fallengelassen — was schließlich Mitte der 1980er entstand, war eine deutlich schlankere Variante.

Planung durch die Jugendbehörde

Das Bautechnische Projekt datiert auf Dezember 1983 und stammt nicht vom MfS, sondern vom Zentralen Aufbaustab beim Amt für Jugendfragen beim Ministerrat der DDR — formal zuständig für Bauvorhaben an Pionier- und Ferienobjekten. Verantwortlicher Dipl.-Ing. Architekt ist im Dokument geschwärzt; das Projekt trägt die interne Bezeichnung Objekt 100.2.

Der Erläuterungsbericht beschreibt die Ausgangslage: Auf dem Gelände existierte bereits eine Betonplatte, auf der zuvor ein 100-Personen-Zelt als provisorischer Mehrzweckraum gestanden hatte. Auf dieser Platte wurde nun ein festes Gebäude errichtet.

Das Gebäude

Das Mehrzweckgebäude ist eingeschossig mit ausgebautem Dachgeschoß:

  • Erdgeschoß: Mehrzweckraum für 110 Personen bei fester Bestuhlung, 90 bei loser Aufstellung; überdachtes Eingangspodest; Mädchentoilette (3 WC)
  • Dachgeschoß: zwei Gruppenräume à 10 Kinder, Jungentoilette (2 WC + 1 P-Becken), erreichbar über eine außenliegende, überdachte Holztreppe

Gebäudelänge 17,48 m, Breite 8,68 m, Firsthöhe 7,04 m, Nutzfläche 188 m², umbauter Raum 749 m³. Das Haus war zur Sommernutzung bestimmt — wurde aber bewusst nach den für Ganzjahresnutzung geltenden Wärmeschutzwerten errichtet, damit „eine eventuell veränderte Nutzungskonzeption keine zu aufwendigen Nachrüstungen erforderlich macht”.

Architektur

Der Erläuterungsbericht beschreibt die Gestaltung ausführlich — ein eher seltener Vorgang in einer MfS-Bauakte:

Der Eingangsgiebel mit der überdacht liegenden Holztreppe und der Raumstaffelung soll an Holzhäuser auf einem Abenteuerspielplatz erinnern. Die Holz-Glas-Wände im Giebeldreieck, auch als Querbegrenzung für Gruppenräume, gestatten durch die entstehende Transparenz das Erfahren der einfachen statischen Dachkonstruktion.

Der Mehrzweckraum ist im vorderen Drittel „nur durch das Dach begrenzt” — also offen bis zum First. Die Längsseiten sind durch addierte, funktionell bedingte Fenster gegliedert, deren Mittelfenster „befestigungsartig durch aussteifende Wandstreifen gerahmt” sind. Das Haus „fügt sich gut in den Waldrand ein”, steht westlich der Lagerfreundschaft (= Bungalow-Siedlung).

Genehmigung und Abnahme

  • 14. Februar 1984: Prüfbescheid Nr. 31/84 der Staatlichen Bauaufsicht — Baugenehmigung mit Auflagen (u. a. zu Fundamentprüfung, Holzschutz, Brüstungshöhen)
  • Mai 1984: Holzschutzbehandlung der Dachkonstruktion mit Vogel-Fluat gegen holzzerstörende Insekten und Pilze durch die PGH Bautenschutz und Schädlingsbekämpfung, Meisterbereich Bad Schmiedeberg
  • 7. Juli 1984: Prüf- und Übergabeprotokoll für die elektrotechnischen Anlagen durch PGH Elektro Kemberg
  • 10. Juli 1984: Prüfbescheid Nr. 140/84 — bauaufsichtliche Zustimmung zur Inbetriebnahme unter Beachtung der Auflagen und Hinweise

Im Sommer 1984 war das Mehrzweckgebäude damit formell zur Nutzung freigegeben — das Übergabeprotokoll an den Rat des Kreises Wittenberg (→ Übergabe 1990) führt es jedoch als Baujahr 1986. Das passt zur typischen NAW-Bauweise mit Wochenend-Brigaden, bei der die formelle Inbetriebnahmegenehmigung der baulichen Endfertigstellung um Jahre vorausgehen konnte (→ Modernisierung 1983–87).

3 Fotos — zum Vergrößern anklicken

Quelle: Bundesarchiv / BStU, MfS Liegenschaften 2770, Bd. 8

Dokument 1989

Heizhaus-Schornstein 1989 — die letzte MfS-Baugenehmigung

Am 30. August 1989 unterzeichnet die Staatliche Bauaufsicht des Ministeriums für Staatssicherheit ein Routineformular: Baugenehmigung Nr. 112/89. Vorhaben: Neubau eines 15 Meter hohen Stahlblechschornsteins am Heizhaus des Objekts Parnitz. Auftraggeber: MfS, BV Halle. Projektant: VEB Kreisbaubetrieb Gräfenhainichen, Abteilung Projektierung. Unterzeichnet: Busch, Leiter der Staatlichen Bauaufsicht.

Es ist die — nach heutigem Aktenstand — letzte Baugenehmigung, die das MfS für sein Schulungsobjekt Parnitz erteilt. Zwischen Unterzeichnung und Mauerfall liegen exakt zehn Wochen und zwei Tage.

Vorgeschichte: Drei Stufen einer überforderten Heizung

Die Genehmigung lässt sich nur vor dem Hintergrund einer längeren Vorgeschichte verstehen, die in den Sachakten BV Halle RD 426 und RD 802 dokumentiert ist:

  • 1976: Anschlussplanung. Das vom VEB Projektierung und Technologie Halle (PB 3 Dessau) überarbeitete Gasversorgungs-Konzept vom Mai 1976 sah einen Anschluss an die Ferngasleitung Coswig–Körbien über einen Gasreglerschrank Typ BS 300/25 (VEB Gaselan Fürstenwalde) vor. Der Bedarf wurde im Nachtragsprojekt vom 12. Mai 1976 mit 70 m³/h für die noch als Provisorium dienende ehemalige Jugendherberge plus rund 250 m³/h für die neue Kesselanlage beziffert — eine Größenordnung, die für die Kontingenterteilung durch das Energiekombinat West neu beantragt werden musste.
  • Vor 1985: Die zentrale Heizungsanlage bestand aus drei Gaskesseln vom Typ CK 30 und versorgte das alte Forsthaus, beide Unterkunftsbaracken sowie die fünf Eigenheime des Stammpersonals.
  • 1985: Rekonstruktion. Eine Bauabsprache am 18. Mai 1985 hielt fest, dass die drei alten Gaskessel durch vier neue Spezialgaskessel vom Typ G 100-120 ersetzt werden sollten. Außerdem wurde das Hauptgebäude umgerüstet: weg von gusseisernen Radiatoren und Konvektortruhen, hin zu Plattenheizkörpern; Thermostatventile für sonnenseitige Heizkörper, Nachtabsenkung.
  • April 1989: Neuanfang. Ein neues Heizungsprojekt vom 10. April 1989 (Wörlitz) konstatiert: „Trotz teilweiser Rekonstruktionsmaßnahmen sowie Sanierungsmaßnahmen im Jahr 1985 konnte der notwendige Wärmebedarf durch die installierten Wärmeerzeuger nicht abgedeckt werden.” Konsequenz: Zwei neue Wärmeerzeugungsanlagen mit 500.000 und 250.000 kcal/h wurden beschafft; „in der Nähe des alten Forsthauses” sollte eine neue Räumlichkeit geschaffen werden, dazu „ein neuer Schornstein”. Ob als Fertigteilbau oder Stahlrohrausführung war im April 1989 noch nicht geklärt.

Was im August 1989 genehmigt wurde

Geklärt war es vier Monate später. Das beigefügte Projekt zur Baugenehmigung (Nr. 2785 AP 47/89, datiert 17. Juli 1989) beschreibt die Ausführung: ein freistehender Stahlblechschornstein mit 13,7 m Stahlblech auf einem 1,3 m hohen Sockel — Gesamthöhe 15 m, Innendurchmesser 500 mm, dreifache Abspannung mit Drahtseilen B 16. Er sollte die beiden neu beschafften Gaskessel — Typ EG WA 0,5 (580 kW) und EG WA 0,25 (290 kW) — entlüften. Das Heizhaus mit beiden Kesseln ging 1990 als Gebäude Nr. 11 ins Übergabeprotokoll ein.

Eine projekttechnische Pointe steht im Erläuterungsbericht: Wegen der „schlechten Aufstellungsbedingungen des Kranes (geneigte Auffahrt)” und einer erforderlichen Hakenhöhe von 21,5 m bei gleichzeitig 18 m Ausladung sah der Projektant der Reihe nach durch: N 120 Gottwald, ADK 63/2, ODK 125, MDK 12,5/20, MDK 63/1 — keiner passte. Empfehlung: Hubschraubermontage. Ob der Schornstein dann tatsächlich per Hubschrauber aufgesetzt wurde, ist aus den Akten nicht ersichtlich.

Was nicht im Formular steht

Was im Formular keinen Niederschlag findet: Zum Zeitpunkt der Unterzeichnung waren zigtausende DDR-Bürgerinnen und -Bürger in den westdeutschen Botschaften in Prag, Warschau und Budapest. Ungarn hatte am 11. September — knapp zwei Wochen nach der Genehmigung — die Westgrenze für DDR-Flüchtlinge geöffnet. In Leipzig fanden seit dem 4. September die Friedensgebete und Montagsdemonstrationen statt. Erich Honecker war schwer krank.

Die Staatliche Bauaufsicht des MfS genehmigte in dieser Lage einen Heizungsschornstein. Routineverwaltung in einer Institution, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass sie in dreieinhalb Monaten aufgelöst werden würde.

Was aus dem Schornstein wurde

Der Schornstein wurde gebaut und steht heute noch — das Foto auf dieser Seite zeigt ihn als markante, leicht verrostete Stahlblechsäule hinter dem ehemaligen Heizhaus (das heute als Garage genutzt wird), eingerahmt von dem nachgewachsenen Wald, der ihn inzwischen umstellt. Im Übergabe-/Übernahmeprotokoll vom Februar 1990 (→ Übergabe an den Rat des Kreises) wird das Heizhaus als Gebäude Nr. 11 geführt (Baujahr 1989, zwei Gaskessel) — der Schornsteinneubau selbst ist dort nicht eigens vermerkt, war zum Zeitpunkt der Übergabe also entweder bereits Bestandteil oder noch nicht ausgeführt.

Die Baugenehmigung vom 30. August 1989 bleibt damit der letzte dokumentierte Akt der Bauverwaltung des MfS in Parnitz — eingereicht, geprüft, genehmigt zehn Wochen vor dem Ende.

1 Fotos — zum Vergrößern anklicken

Quelle: Bundesarchiv / BStU, MfS Liegenschaften 2770 Bd. 9; MfS BV Halle RD Sach-Nr. 426 + 651 + 802

Nachwendezeit

Dokument 1990

Übergabe des Mehrzweckobjekts — 5. Februar 1990

Drei Monate nach dem Mauerfall — und während in Berlin die Auflösung des MfS noch im Gange ist — wird das Gelände in Parnitz in einem nüchternen Verwaltungsakt weitergereicht: Am 5. und 7. Februar 1990 unterzeichnen Vertreter des Amtes für Nationale Sicherheit (in Liquidation) und des Rates des Kreises Wittenberg ein Übergabe-/Übernahmeprotokoll. Mit Wirkung vom 1. März 1990 geht das „Mehrzweckobjekt Parnitz, Ateritz, 4601” in Rechtsträgerschaft des Kreises über.

Das Protokoll und seine drei Anlagen dokumentieren das Gelände in einem Zustand, den die MfS-Jahre hinterlassen haben — mit vollständigem Gebäudebestand, Inventar und allem was zurückblieb.

Das Gelände: 13 Gebäude auf 84.254 m²

Die Objektcharakteristik (Anlage 2) beschreibt den Gebäudebestand der Gemarkung Ateritz, Flur 7, mit einem Gesamtwert von 3.000.000 Mark:

  1. 2 Unterkunftsbaracken — Baujahre 1976 und 1978 (laut Anlagekartei der BV Halle von 1979; im Übergabeprotokoll vereinfacht als 1977 geführt); zweigeschossige Massivbauten, je 490 m² bebaute Fläche, je 19 Unterkunftsräume sowie Sanitär- und Funktionsräume. Der jüngere Bau (Unterkunftsgebäude II) wurde mit Prüfbescheid Nr. 70/78 vom 3. Juli 1978 zur Inbetriebnahme freigegeben
  2. Altes Forsthaus — um 1900; zweigeschossiger, unterkelleter Massivbau, ca. 330 m², Arbeits- und Funktionsräume mit Küchentrakt
  3. Med. Stützpunkt — um 1930; zweigeschossiger, teilunterkelleter Massivbau, ca. 140 m²
  4. Verkaufseinrichtung — Baujahr um 1970; eingeschossige Holzbaracke, ca. 80 m²
  5. Wachbungalow — Baujahr 1976 (laut Anlagekartei der BV Halle; im Übergabeprotokoll mit „um 1980” ungenauer geführt); Fertigteile vom Typ „Ziegelroda” mit Telefon- und Beschallungszentrale, ca. 24 m²
  6. Garagen — Baujahr 1987; Fertigteilgaragen Typ Leuna-Glocken, 45 m²
  7. Garagen- und Werkstattkomplex — Baujahr 1985; eingeschossiger Massivbau, ca. 240 m²
  8. Bastelbungalow — Baujahr 1981; Fertigteile, 42 m²
  9. 17 Wohnbungalows — Baujahr 1987; Fertigteile, je 40 m²
  10. Mehrzweckgebäude — Baujahr 1986; zweigeschossiger Massivbau
  11. Heizhaus und Gemüselager — Baujahr 1989; eingeschossiger Massivbau, ca. 80 m²; 2 Gaskessel Typ GWA 0,5 und GWA 0,25 auf der Basis von Importerdgas für die Versorgung der Teilobjekte 1, 2, 7, 12, 13
  12. Wirtschaftstrakt — Baujahr 1970; zweigeschossiger Massivbau, ca. 120 m²
  13. 5 Eigenheime — Baujahr 1977; eingeschossige Fertigteilhäuser Typ FH 70/6 vom VEB Metallkombinat Heldrungen (50 %ige Unterkellerung), je ca. 75 m², Garage

Auffällig ist, wie spät noch gebaut wurde: Werkstattkomplex (1985), Mehrzweckgebäude (1986), 17 Wohnbungalows und Garagen (1987), zuletzt das Heizhaus mit Stahlblechschornstein im Sommer 1989 — die Baugenehmigung dafür wurde nur zehn Wochen vor dem Mauerfall erteilt (→ Heizhaus-Baugenehmigung 1989). Das MfS investierte bis kurz vor dem Ende in die Erweiterung des Objekts, als das Ende der DDR noch nicht absehbar war.

Das Mobiliar-Inventar: was das MfS zurückließ

Anlage 3 des Protokolls, unterzeichnet am 6. Februar 1990 durch die BV Halle, listet das gesamte mobile Inventar auf. Die Zahlen geben einen ungeschminkten Blick auf den institutionellen Maßstab des Betriebs:

Möbel und Unterkunft: 233 Unterkunftsschränke (Spinds), 623 Stapelstühle (Holzsitz), 278 weitere Stapelstühle (Stoffsitz), 132 Doppelstockbetten (Holz), 154 Doppelstockbetten (Eisen), 121 Tische (80×80 cm), 85 Tische (90×120 cm)

Wäsche (Kammer Forsthaus): 1.545 Bettbezüge, 1.103 Bettlaken, 1.827 Kissenbezüge, 353 Handtücher, 112 Tischdecken mit Spitze

Technik: 25 Telefonapparate und 1 Telefonanlage, 4 Schwarzweiß-Fernseher, 2 Waschmaschinen, 11 Damentourenräder, 7 Kinderräder, 3 Bohrmaschinen, 1 Schweißgerät, ein transportables Dieselnotstromaggregat (DEA) 50 kVA — und: eine Filmvorführanlage 35 mm komplett (2 Maschinen + Tontechnik)

Küche: Herde, Kochkessel, Aufschnittmaschine, Kartoffelschälmaschine, Gemüseverarbeitungsmaschine, Butterportioniermaschine — eine vollständige Großküche

Zwei Urlaubsbungalows — komplett eingerichtet

Gesondert ausgewiesen: 2 Urlaubsbungalows, je vollständig möbliert mit Wohnzimmer (Schrankwand 4 m, Couchgarnitur, Fernseher s/w, Radio), Küche (komplette Einrichtung und Geschirr), Schlafzimmer (komplett, Bettwandung), Kinderzimmer (Doppelstockbetten, Kinderbett), Diele (Flurgarderobe, Läufer) und Veranda (gepolsterte Sitzbank). Dieser Nutzungstyp — Privatkomfort im Dienstobjekt — entspricht dem Bungalow, dessen Nutzungsvertrag von 1979 in den Unterlagen erhalten ist (→ Bungalow-Nutzungsvertrag 1979).

Eine Epoche endet im Formular

Das Protokoll selbst ist ein Dokument des Übergangs in seiner bürokratischsten Form: Keine Erklärung, kein Kommentar — nur Unterschriften, Datum und Stempel. Dass auf der Übergeberseite das „Amt für Nationale Sicherheit” bereits als „in Liquidation” firmiert, macht den historischen Moment kenntlich. Was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stasi-Nachfolgers in jenen Februarwochen dachten, als sie das Inventar zählten und die Formulare ausfüllten, ist nicht überliefert.

Quelle: Bundesarchiv / BStU, MfS Liegenschaften 2770, Bd. 1, Seiten 19–30; MfS BV Halle RD Sach-Nr. 408 + 618 + 802

Foto 1990–1994

Schullandheim und Ausflugsgaststätte nach der Wende

Simone und Peter Graf übernehmen das Gelände und bauen es zum Schullandheim mit Ausflugsgaststätte aus. Sie kommen am 1. Juni 1990 nach Parnitz — Simone stammt ursprünglich aus Wittenberg. Zuvor hatten sie in Mecklenburg ein Ferienlager geleitet und dort auch gewohnt; als diese Tätigkeit wegfiel, brauchten sie dringend eine neue Perspektive und fanden sie in Parnitz. Die Gaststätte wird von Bernd Menke geführt.

Vom Kasernenlager zum Schullandheim

Das Gelände trägt zu Beginn noch deutlich das Gepräge seiner MfS-Vergangenheit: Spinde und Metallbetten in den Bettenhäusern, nüchternes Kasernenflair. Simone und Peter Graf investieren viel Zeit und Engagement, um daraus ein einladendes Haus zu machen. Zivile Möbel, die noch in den Garagen lagern, ersetzen die Spinde und Betten. Peter näht eigenhändig alle Vorhänge; für Gaststättenausstattung und Einrichtung fahren sie eigens nach Berlin. Zwischen den Bettenhäusern legen sie Beete an, bepflanzen das Gelände und schaffen einen Teich als neuen Mittelpunkt des Innenhofs.

Sanierung und Winterfestmachung

Der Landkreis investiert in dieser Phase substanziell in das Gelände. Die asbesthaltigen Eternit-Dachplatten werden flächendeckend ausgetauscht. Die Bungalows — zuvor reine Sommerunterkünfte — werden gedämmt und mit Heizungen ausgestattet, sodass sie ganzjährig bewohnbar werden.

Ein gut gebuchtes Haus

Der Betrieb läuft ausgesprochen gut — das Schullandheim ist zeitweise schon ein Jahr im Voraus ausgebucht. Rund 15 Angestellte sorgen für Bewirtschaftung und Betrieb. Die Dübener Heide ist in den frühen 1990er-Jahren ein beliebtes Ausflugsziel; Parnitz profitiert von seiner Lage mitten im Wald.

Das Angebot

Das Gelände zieht ein breites Publikum an:

  • Kinder und Kindergartenkinder — Ferienaufenthalte und Klassenfahrten
  • Urlaubsgäste — erholungssuchende Familien und Einzelreisende
  • Gäste mit Behinderungen — darunter bettlägerige Menschen, die im Sommer auf ihren Betten ins Freie und in die Natur gerollt werden; die winterfest gemachten Bungalows machen ganzjährige Aufenthalte möglich
  • Familienfeiern — das Mehrzweckgebäude, von den Einheimischen „die Kirche” genannt, fasst bis zu 80 Personen und dient als Gastraum für größere Veranstaltungen
  • Silvester — Familien mit Kindern feiern den Jahreswechsel im Waldhaus
  • Schulungen und Seminare — darunter Fortbildungen für Bürgermeister nach der Wende sowie Schulungsveranstaltungen der Gothaer Versicherung für neue Versicherungsvertreter; als Referent ist Dr. Haseloff überliefert

Prominente Gäste und besondere Anlässe

Zu den überlieferten Gästen gehört eine Familie Blum, die in der Schullandheimzeit regelmäßig zu Familienfesten anreiste — laut Erinnerung der Grafs aus mehreren Richtungen. Dass es sich um Nachfahren des 1848 in Wien erschossenen Demokraten Robert Blum gehandelt habe, ist eine im Gespräch geäußerte Vermutung, die nicht zweifelsfrei belegt ist. Außerdem gehörte Hermann Benjes, Forstmann und Erfinder der nach ihm benannten Benjeshecke, zu den regelmäßigen Gästen; er wohnte im hintersten Bungalow. Auch ein Wittenberger Pfarrer der Christuskirche — Vater der späteren Dezernentin — gehörte zum Gästekreis.

Ein historisch besonderer Anlass ist die Vereinigungsfeier des Naturparks Dübener Heide im Mehrzweckgebäude: Hier unterzeichnen Vertreter der Länder Sachsen und Sachsen-Anhalt die Vereinbarung über den länderübergreifenden Naturpark Dübener Heide.

Die Schließung 1994

Im März 1994 entscheidet der Landkreis, das Schullandheim zum 30. Juni 1994 zu schließen. Hintergrund ist die Kreisreform Sachsen-Anhalt 1994: Mit der Zusammenlegung der Landkreise Wittenberg, Jessen und Gräfenhainichen zum neuen Landkreis Wittenberg kommt die Verwaltung zu dem Schluss, dass man künftig nur noch ein Schullandheim benötige — und sich auch nur eines leisten könne. Die Wahl fällt auf das Schullandheim in Möhlau, in dem sich zugleich die Geschäftsstelle des Landesverbands der Schullandheime befindet. Parnitz wird geschlossen — obwohl es das größere und besser ausgestattete Haus ist. Möhlau wurde später ebenfalls geschlossen.

Die Entscheidung erfährt das Schullandheim aus einem Anruf der Dezernentin am Tag der Kreistagssitzung: „Sie brauchen nicht zu kommen. Heute wird im Kreistag entschieden, dass Sie schließen.” Proteste vor dem Kreistag, Briefe von Gästen, Pressegespräche — nichts ändert mehr etwas an der Entscheidung. Wenige Tage später erscheint der Leiter des konkurrierenden Schullandheims aus Möhlau mit einem Lastwagen, um das neuere Inventar abzuholen; Peter Graf verweist ihn vom Hof.

Abbau der Bungalowsiedlung beginnt

Schon während ihrer Tätigkeit als Schullandheimleitung beginnen die Grafs damit, einen Teil der eng zusammengestellten Bungalows abzureißen, um die Anlage aufzulockern. Der Restbestand verschwindet in den Jahren nach 1994 (→ Die Brüder Walter — Übernahme des Geländes 2001).

Danach folgt eine Phase des Rückgangs: Teilleerstand und sukzessiver Substanzverlust bestimmen das Bild des Geländes für mehrere Jahre.

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Quelle: Familie Graf

Karte 1990–1994

Postkarten — Schullandheim „Forsthaus Parnitz"

Nach der Wende wird das Gelände als Bildungs- und Erholungszentrum und Schullandheim „Forsthaus Parnitz” weitergeführt. Die Postkarten aus dieser Zeit zeigen das Ensemble in seiner damaligen Form und wurden als Werbemittel für die Einrichtung genutzt.

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Zeitzeugenbericht 1995

Vereinsbewerbung 1995 — ein gescheiterter Übernahmeversuch

Nach der Schließung des Schullandheims 1994 (→ Schullandheim nach der Wende) stand das gesamte Gelände zum Verkauf. Eine konkrete Übernahmebewerbung kam vom Verein Dübener Heide e.V., der 1990 — sofort nach der Wende — neu gegründet worden war: als Wiederaufnahme eines Vorgängervereins, der in der Dübener Heide bis 1945 bestanden hatte. Bereits vor 1995 hatte der Verein in Parnitz ein kleines Geschäftszimmer eingerichtet, das ihm der Landkreis als Mieter zugestanden hatte.

Das Vermarktungskonzept

Der Verein erarbeitete für die Bewerbung ein umfassendes Vermarktungskonzept. Der Plan: Das alte Forsthaus sollte als Vereinssitz dienen, das Jagdhaus und die übrigen Gebäude als Gasthaus mit Unterkunftsmöglichkeiten — auch für Kindergruppen — wieder in Betrieb gehen. Der Verein verfügte über die nötigen Kompetenzen aus den eigenen Reihen: Handwerker waren Mitglieder, der Besitzer eines örtlichen Sägewerks ebenfalls. Fördermittel des Landes Sachsen-Anhalt aus Magdeburg standen für derartige Vorhaben grundsätzlich zur Verfügung.

Die Absage

Die Bewerbung scheiterte. Heimatchronist Herbert Meyer, damals Geschäftsführer des Vereins Dübener Heide e.V., fasst die Begründung des Landkreises lakonisch zusammen: „Vereine wollen wir nicht haben — die haben sowieso kein Geld.” Das ausgearbeitete Konzept wurde nicht inhaltlich geprüft. Statt einer Vereinsübernahme nahm das Gelände einen anderen Weg: Es blieb noch sechs Jahre weitgehend ungenutzt, bis es 2001 von den Brüdern Walter erworben wurde (→ Die Brüder Walter — Übernahme des Geländes 2001).

Sechs Jahre Leerstand — sichtbarer Verfall

In den Jahren zwischen Schließung und Walter-Übernahme entstanden die sichtbaren Spuren mutwilliger Zerstörung, die das Bild des Geländes bis 2021 prägten. In den noch stehenden Bungalows wurden — wie Simone und Peter Graf bei späteren Begehungen feststellten — fast neuwertige Sanitärinstallationen, Waschbecken und Armaturen von Eindringlingen demoliert, ohne dass etwas mitgenommen worden wäre: Zerstörung um ihrer selbst willen. Im alten Forsthaus und im Mehrzweckgebäude richteten sich Unbefugte zeitweise ein und sägten aus den Bauteilen heraus, was sich zum Verfeuern eignete. Einzelne Treppenstufen im Mehrzweckgebäude waren bis zur Übernahme 2021 noch herausgesägt zu sehen — eine nüchterne Materialspur dieser Phase.

Was hätte werden können

Meyer formuliert es im Rückblick zurückhaltend: „Wir waren damals noch jung. Da hätten wir schon was in die Wege geleitet.” Ob der zwischenzeitliche Substanzverlust mit einer Vereinslösung hätte vermieden werden können, lässt sich nicht mehr sagen — ein wesentlicher Unterschied zur tatsächlichen Entwicklung wäre die zivilgesellschaftliche statt der privatwirtschaftlichen Trägerschaft gewesen.

Quelle: Gespräch mit Heimatchronist Herbert Meyer, 29. Januar 2022

Dokument 2001–2021

Die Brüder Walter — Übernahme des Geländes 2001

Nach der Schließung des Schullandheims 1994 stand das Gelände sieben Jahre weitgehend leer. 2001 wechselte es erstmals seit der Vorkriegszeit wieder in private Hand.

29. Oktober 2001: Auflassung an die Brüder Walter

An jenem Tag wurde das Gelände an die Brüder Bernd Walter (im Familienkreis „Benno” genannt) und Udo Walter aufgelassen — gemeinsam als Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Die Eintragung in das Grundbuch von Ateritz folgte am 5. März 2002 (Blatt 664). Damit ging das ehemalige MfS-Objekt, das nach der Übergabe an den Rat des Kreises Wittenberg 1990 (→ Übergabe an den Rat des Kreises) und einer kurzen Schullandheim-Phase (→ Schullandheim nach der Wende) in öffentlicher Hand gelegen hatte, in Privateigentum über.

Eine ostdeutsche Biografie als Motiv

In einem Telefongespräch im Mai 2021 erzählt Bernd Walter seine Motivation in einem einzigen Satz: er sei „Ossi”, habe sechs Jahre Ausreiseanträge hinter sich und sei seit 1985 im Westen — „da dachte ich, komm, musst du auch deinen Anteil holen.” Der Kauf des Parnitzer Geländes verstand er ausdrücklich als persönliche Kompensation für das, was die DDR ihm genommen hatte.

Walters Konflikt mit dem Staat begann früh. Als 13-Jähriger zeigte er in der Schule einen Plastikbeutel mit westlicher HB-Zigaretten-Werbung herum, den sein Bruder aus dem Intershop mitgebracht hatte; daraus entwickelte sich ein Verhör bei der Stasi mit dem Angebot, sich „einlenken” zu lassen — andernfalls werde es kein Abitur geben. Walter lehnte ab und wurde, wie er selbst erzählt, „mit 13 Staatsfeind”. Es folgten fünf bis sechs Jahre Ausreiseanträge, bis er 1985 über Hamburg nach West-Berlin gelangte. Nach der Wende ließ er die — nach eigener Darstellung — erste Baufirma im neuen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern eintragen.

Walters Bild der Stasi-Vergangenheit

In dem Gespräch beschreibt er das Gelände als „Stasi-Spaßobjekt”: „Jagd … da waren doch ganz hohe Tiere.” Diese Wahrnehmung deckt sich mit den Erinnerungen von Anwohnern und der MfS-Aktenlage (→ Jagdgäste — die Stasi-Jagd in Parnitz). Vom Pionierferienlager-Aspekt — der jährlichen Sommerbelegung mit Kindern von MfS-Bediensteten — wusste er offensichtlich nichts. Es ist ein bemerkenswerter blinder Fleck im Erinnerungsbild eines Eigentümers, der das Objekt zwei Jahrzehnte lang besaß: Die zwei Funktionen, die das Objekt zu DDR-Zeiten parallel erfüllte — Schulung der MfS-Bediensteten in den belegungsschwachen Monaten, Ferienlager für deren Kinder im Sommer — waren bei der Übernahme 2001 längst verschwunden, und die Akten dazu blieben bis zur BStU-Öffnung verborgen.

Versuchte Renovierung des Jagdhauses

Das Jagdhaus war bei Walters Übernahme nach jahrelangem Leerstand in einem schlechten Zustand. In den Jahren nach 2002 nahm Bernd Walter eine Sanierung in Eigenregie in Angriff: eine Holzvergaserheizung wurde eingebaut, der Außenputz erneuert, das Erdreich für die Wasserableitung am Hanggrundstück umgeschichtet, das historische Parkett im Salon freigelegt. In Walters eigener Darstellung erstreckten sich die Arbeiten über mehrere Jahre und seien erst um 2010 abgeschlossen gewesen. Eine vollständige Sanierung des Anwesens kam nicht zustande.

Abriss der Bungalowsiedlung

Zwischen dem Ende des Schullandheims 1994 und Walters Übernahme 2001 verschwand die Bungalowsiedlung — die siebzehn 1987 errichteten Wohnbungalows, die im Übergabeprotokoll von 1990 noch vollständig aufgeführt waren (→ Übergabe an den Rat des Kreises). Bereits in den Schullandheimjahren hatten Simone und Peter Graf damit begonnen, einen Teil der Bungalows abzureißen, um die eng zusammengestellte Siedlung aufzulockern (→ Schullandheim nach der Wende); der Restbestand verschwand in den Jahren nach der Schließung. 2021 erinnerte nur noch ein verlassener Verteilerkasten zwischen den Bäumen und zahlreiche inzwischen überwucherte Fundamentplatten daran, dass hier einmal eine Siedlung gestanden hatte.

2006: Tod von Udo Walter

Im Jahr 2006 verstarb Udo Walter. Seine Anteile gingen auf seine beiden Söhne über. Die Gesellschaft bürgerlichen Rechts bestand fortan aus Bernd Walter und seinen beiden Neffen.

Nach 2006: Stillstand und Verfall

Nach Udos Tod war Bernd Walter alleiniger aktiver Eigentümer; gesundheitlich zunehmend eingeschränkt, konnte er das entlegene Waldgrundstück nicht selbst betreuen. Die laufenden Aufgaben übernahmen zwei Hausmeister aus Berlin-Kreuzberg — Bernd (nicht zu verwechseln mit dem Eigentümer Benno) und Zivo.

Bemerkenswert: Auch dieser Bernd hat eine DDR-Biografie mit Parallelen zu Walters Lebenslauf. Gelernter Rohrschlosser im Kraftwerksrohrleitungsbau Bitterfeld bis 1981, danach Ausreise und Weiterbeschäftigung in West-Berliner und westdeutschen Industriebetrieben — auch er also einer, der die DDR hinter sich gelassen hatte. 1997/98 schließlich Fortbildung zum Haussicherungstechniker bei BWK Kreuzberg, was ihn für die spätere Tätigkeit in Parnitz qualifizierte. Zivo, südslawischer Herkunft und ebenfalls Kreuzberger, kannte Bernd nachweislich schon seit mindestens 2009 — aus jenem Jahr stammt eine schriftliche Vollmacht zur stellvertretenden Paketannahme. Belegt ist die Hausmeister-Tätigkeit bei Walter aber erst ab November 2016, als die beiden formell als geringfügig beschäftigte „Hilfsarbeiter” angestellt wurden; ob die tatsächliche Tätigkeit am Gelände länger zurückreicht, lässt sich aus den vorhandenen Unterlagen nicht eindeutig sagen.

Sie verhinderten Vandalismus, konnten den natürlichen Verfall des Geländes aber nicht aufhalten. In den folgenden Jahren verwandelte sich das Anwesen zusehends in einen Lost Place.

2021: Verkauf

Im Vorfeld des Verkaufs lagen dem Eigentümer 2020 zwei substanzielle Übernahmekonzepte vor — eines auf Permakultur-Basis, eines als Bauhaus-inspirierte Cabin-Anlage; beide scheiterten an Zuwegung und baurechtlichen Hürden (→ Zwei Konzepte vor dem Verkauf). Im Juni 2021 verkaufte die Walter’sche Gesellschaft das Gelände. Die Auflassung der Anteile am 18. Juni 2021 wurde am 6. Oktober 2021 im Grundbuch (Blatt 245) eingetragen — Ende einer zwanzigjährigen Eigentümerphase, die mit zwei aktiven Brüdern begonnen hatte und in einem Zustand fortschreitenden Substanzverlusts endete.

6 Fotos — zum Vergrößern anklicken

Quelle: Telefonat Bernd Walter / Susanne Reuter, 5. Mai 2021; Amtsgericht Wittenberg, Grundbuch von Ateritz, Blatt 664 (2019) und Blatt 245 (2021); Fotos des Geländes 2021

Foto 2020

Zwei Konzepte vor dem Verkauf — Öko-Kultur und Waldstatt 2020

Im Vorfeld des Verkaufs 2021 (→ Die Brüder Walter) entwickelten zwei voneinander unabhängige Interessentengruppen substanzielle Übernahmekonzepte für das Gelände. Beide Vorhaben dokumentieren, wie der Ort am Vorabend des Eigentümerwechsels gesehen wurde — bevor sie aus unterschiedlichen Gründen nicht weiterverfolgt wurden.

Öko-Kultur in der Natur

Eines der beiden Konzepte trägt den Titel „Erstes Konzept für Parnitz — Öko-Kultur in der Natur”. Ob es zeitlich vor dem Waldstatt-Vorschlag lag, ist nicht eindeutig überliefert; ein genaues Datum liegt nicht vor. Es entwirft Parnitz als Zentrum für Permakultur und Naturbildung unter Trägerschaft eines gemeinnützigen Vereins. Vorgesehen waren ein Vorführgarten, Seminare und Workshops für alle Altersgruppen, Ateliers für Künstleraufenthalte, ein Musikstudio, Werkstätten, ein Café mit einheimischer Küche, ein Sommerbiergarten, Gästezimmer und Baumhäuser, ein Kletterwald, eine Kräuterapotheke sowie eine Haustierpension als wirtschaftliche Säule. Die Initiator:innen formulierten zugleich offene Fragen an den Verkäufer — zu Lärmpegeln, zu Jagdzeiten, zur Asbestsanierung und insbesondere zum Bunker, dessen Versiegelung und mögliche Gefahren geklärt werden müssten, bevor weitere Schritte möglich seien.

Waldstatt (Sommer/Herbst 2020)

Das umfangreichere Konzept „Waldstatt bauen” wurde von einem deutsch-niederländischen Paar aus Berlin erarbeitet, das sich beruflich im Markenaufbau bewegte. Geplant war eine Anlage vom Bauhaus inspirierter Glas-Cabins, verteilt auf rund zehn Hektar Wald, mit dem aufwendig restaurierten historischen Forsthaus als architektonischem Mittelpunkt einer ansonsten von Grund auf neu errichteten Anlage.

Bemerkenswert ist der Umfang des angedachten Eingriffs. In Phase 1 sollten alle vorhandenen Gebäude außer dem Jagdhaus abgerissen werden — Empfang, Gästehaus 1 und 2, Einfamilienhaus, fünf Bungalows, beide Blockhütten, zwei Schuppen, Veranstaltungshaus, Schleppdach mit Anbau, zwei Kühlzellen, Garage und zwei Baracken (ehemaliger Kindergarten); dazu rund 600 m² versiegelte Betonflächen und Gehwege. Auf dem so freigeräumten Gelände sollte in Phase 3 eine Cabin-Anlage entstehen: bis zu fünf größere (rund 80 m²) und zehn kleinere Cabins (ab rund 16 m²), ergänzt um ein Restaurant „nur aus vier Glaswänden” inmitten des Walds.

Das geplante Aktivitätenportfolio orientierte sich am Bedarf städtischer Klientel nach „Workation” und reichte von „NewWork Studios” und „Forest Farming” über eine „Schule im Wald” und ein „Pure Food Restaurant” bis hin zu „Forest Fitness”, „Whisky, Walking, Wellness” und der Vermietung des renovierten Jagdhauses. Eine Roadmap sah die Realisierung in mehreren Phasen zwischen 2021 und Ende 2025 vor.

Das Konzept war explizit als Antwort auf die durch COVID-19 ausgelöste Workation- und Remote-Work-Verschiebung gedacht. Mehrere Seiten der Präsentation argumentieren mit der Pandemie als „neuem Paradigma des Arbeitslebens, von dem wir vielleicht niemals zurückkehren wollen”, und stellen ihr eine Statistik gegenüber, wonach 89 Prozent der remote arbeitenden Menschen das remote Arbeiten bevorzugten. Im Rückblick hat sich die damals erwartete dauerhafte Verlagerung in viele kleine Land-Hubs in dieser Form nicht eingestellt; eine Reihe ähnlich gelagerter Workation- und Land-Konzepte aus dem 2020er-Hype ist inzwischen ausgelaufen oder erheblich kleiner geworden.

Die Vorbereitung war professionell aufgemacht: Eine Liste teils prominenter Berater:innen aus Marketing, Unternehmensberatung, Musik und ländlicher Standortentwicklung war beigefügt, und ein regionaler Bauingenieur hatte bereits eine erste Kostenschätzung allein für die Sanierung des Forsthauses erstellt. Die Interessent:innen benannten ihrerseits einige bauliche Befunde, die sie für die Realisierung des Konzepts als problematisch einstuften: Schwammbefall im Einfamilienhaus mit Risiko für das Hauptgebäude, fehlender Kanalanschluss, zu erneuerndes Elektrizitätshaus, unklarer Status des Bunkers.

Am 22. September 2020 übersandte das Maklerbüro Hanseatisches Immobilien Management (Rostock) das Waldstatt-Konzept an Bernd Walter; ein Verkauf wurde frühestens für das Frühjahr 2021 in Aussicht gestellt — zuerst sollten die Interessent:innen mit dem Bürgermeister von Kemberg und mit dem Bauordnungsamt sprechen.

Wie es weiterging

Beide Konzepte wurden nicht weiterverfolgt. Im Sommer 2021 wechselte das Gelände an die heutige Eigentümerschaft, die das Vorhaben einer Waldbauernschule im förmlichen Bauleitplanverfahren angeht — mit einem deutlich behutsameren Eingriff in den Bestand als die Waldstatt-Tabula-rasa.

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Quelle: Konzeptpapiere der Interessent:innen; Schriftverkehr Hanseatisches Immobilien Management (Rostock) ↔ Bernd Walter, September 2020

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