Die Sachakte BV Halle RD 408 dokumentiert eine Weichenstellung: Das Gelände in Parnitz war bis 1974 ein reines Ausbildungsobjekt des MfS — nun sollte dort in kürzester Frist ein Kinderferienlager entstehen. Aus den Planungsunterlagen und dem Baustopp vier Jahre später lässt sich ablesen, was gebaut wurde und was Wunschtraum blieb.
1973: Die Kapazitätsanalyse — und der eigentliche Antrieb
Ein Schreiben der Abteilung Kader und Schulung vom 8. Dezember 1973 an den Beauftragten für Sonderfragen der BV Halle legt die Triebfeder für den geplanten Ausbau offen. Auf der Grundlage der Dienstanweisung 2/73 des BV-Leiters waren jeder Diensteinheit zwölf Ausbildungstage pro Jahr zu garantieren — bei damals 47 Diensteinheiten ergab das 564 Ausbildungstage, dazu 84 Tage für Einführungslehrgänge, 20 Tage für Auslandsschulungs-Zug und 20 Tage für Feuerwehrausbildung. Insgesamt 733 Ausbildungstage — bei einer Belegungskapazität von nur 36 Betten im damaligen Forsthaus. Die neue Baracke sollte die Kapazität auf 60 Betten heben.
Das Kellergeschoss war im Konzept ausdrücklich auf Schulung zugeschnitten: ein Trainingsraum für Kreistraining und Aufwärmübungen, ein Raum für ein im Mai 1973 in Berlin vorgeführtes Mehrzweckgerät (für Tests bis zu 16 Genossen gleichzeitig), Geräte-Lager für Judoanzüge, Keulen, Netze und „Pioniergeräte”, Wasch- und Umkleideräume für 35 Personen. Der Vorrang militärischer Spezialausbildung ist hier unübersehbar — die spätere Doppelnutzung als Kinderferienlager im Sommer war konzeptionell sekundär, auch wenn sie in den späteren Verlautbarungen nach außen das tragende Argument bildete.
1974: Ein außerplanmäßiges Vorhaben
Die Vorlage zum Aufbau des Kinderferienlagers in Parnitz vom 13. Dezember 1974, unterzeichnet vom Leiter Rückwärtige Dienste der BV Halle (Oberstleutnant, geschwärzt), beginnt mit einer aufschlussreichen Formulierung: Man gehe „von der Notwendigkeit, in kürzester Frist Kapazitäten für die sinnvolle und erholsame Feriengestaltung zu schaffen” aus — und berücksichtige dabei „die Möglichkeiten, die für ein solches außerplanmäßiges Vorhaben gegeben bzw. zu erschließen sind”. Das Kinderferienlager war keine reguläre Investition im Fünfjahresplan, sondern eine außerplanmäßige Initiative, die vorhandene Strukturen nutzte und umwidmete.
Das Ziel: bis 1979 Kapazitäten für 320 Kinder und 32 Betreuer pro Durchgang schaffen, ausgelegt auf ein Infrastrukturmaximum für 500 Kinder und 50 Betreuer. Die Unterbringung sollte in massiven Gebäuden erfolgen — für ganzjährigen Betrieb, Sommer wie Winter.
Die Leitungsentscheidung der Verwaltung Rückwärtige Dienste Berlin vom 2. Juni 1975, unterzeichnet von einem Oberst als Leiter, nennt das Projekt beim Namen: „Kinderferienlager Parnitz — 1. Bauabschnitt — Schulungs- und Ausbildungsobjekt der BV Halle und BV Leipzig.”
Die bauliche Doppelnutzung wird in den projekttechnischen Unterlagen schwarz auf weiß formuliert. Der Erläuterungsbericht zum Barackenneubau (Dessau, 8. November 1974, durch das Entwurfskollektiv des VEB WBK Halle) beschreibt die Funktion der späteren Unterkunft 1 / Bettenhaus folgendermaßen:
Das eigentliche Barackengeschoß soll als Unterkunft für entweder 60 Lehrgangsteilnehmer oder 150 Ferienkinder dienen. Das Kellergeschoß … nimmt die Sanitärräume und die Gemeinschaftsräume auf. Die Sanitärräume sind für 150 Ferienkinder bemessen. … An Gemeinschaftsräumen ist ein Speiseraum mit anschließender Speiseausgabe und Geschirrspüle sowie ein Mehrzweckraum für Sport und Spiel vorgesehen. Der Speiseraum dient bei Lehrgangnutzung als Judoraum.
Das Gebäude war also nicht nur konzeptionell, sondern bis hinunter zur Funktion der einzelnen Räume für beide Nutzungen ausgelegt — Schulungslehrgänge im Frühjahr, Herbst und Winter, Kinderferienlager im Sommer. Wo Kinder ihr Mittagessen einnahmen, trainierten in anderen Monaten Lehrgangsteilnehmer Judo.
Der Plan: zwei Bauabschnitte, 7,1 Millionen Mark
Die Grobkostenaufstellung von Dessau (11. Dezember 1974) schlüsselt die Gesamtkosten von 7.138 Tausend Mark auf zwei Bauabschnitte auf:
1. Bauabschnitt 1974/75 (1.250 TM): Neubau einer Unterkunft für 80 Kinder (Objekt 4.1), Umbau der alten Försterei als Lagerleitung und Sanitätsstation, Lagerwache (Bungalow Typ „Ziegelroda” mit Telefonzentrale und Lagerfunk), Treppenhausanbau und Renovierung des Jagdhauses Rohrberg als Lagerklub mit Unterkunft für 30 Kinder (Objekt 6, 45 TM), Freibad mit Liegewiese, Forsthaus Thielenheide als „touristische Außenstation” mit Wildgehege — letztere als Jugendobjekt der FDJ in der BV Halle.
2. Bauabschnitt 1975–1979 (6.060 TM): Zwei weitere Unterkunftsgebäude — ein dreigeschossiger Neubau für 160 Kinder und ein weiteres für 80 Kinder —, ein Mehrzweckgebäude mit 180-Personen-Saal und Küchenanlage (2.100 TM, der teuerste Einzelposten), eine vollständige Sportanlage mit Spielfeld, Laufbahn und Sprunggrube sowie ein Freilichttheater mit 400 Plätzen. Für Sportanlage, Theater und drei Wohngebäude für Stammpersonal (Fertighaus-Typ FH 70) waren die angrenzenden Privatgrundstücke noch zu erwerben.
Eine Konzept-Variante des VRD-Archivs (Bestand VRD 2085, undatiert um 1975) sah das Mehrzweckgebäude noch deutlich größer als das 1986 realisierte vor: zweigeschossig, mit Mehrzwecksaal für 250 Plätze und Küche für 500 Essenteilnehmer, Kellergaragen für „zwei Barkas B 1000 und zwei PKW Wartburg” sowie eine Turnhalle 36 × 18 m in Mastenbauweise mit Brettbindern. Auch zwei alte Bestandsgebäude — ein „altes Stallgebäude” und „eine alte Scheune” — sollten dafür abgerissen werden. Realisiert wurde davon weder die Turnhalle noch die 500-Personen-Küche. Zum Personal der Baudurchführung gehörten neben Kräften der BV Halle und Leipzig auch Strafgefangene aus Bitterfeld auf vertraglicher Grundlage (→ Vereinbarung Strafvollzug Bitterfeld 1975).
Die beigefügte Lageplanskizze des Planungsbüros Dessau (11. Dezember 1974, Maßstab 1:1000) zeigt einen Masterplan, der so nie umgesetzt wurde. Sie ordnet die geplanten Neubauten an, zeigt nördlich davon einen großzügigen Sportbereich mit Hartplätzen, Laufbahn und Spielwiese sowie das Freilichttheater am nördlichen Rand — alles auf Flächen, die noch hätten erworben werden müssen. Der Badeteich ist mit 5.600 m² eingezeichnet, die Liegewiese mit 1.200 m².
1975: Trinkwasser für 500 Kinder
Parallel zur Bauplanung lief die wasserwirtschaftliche Erschließung. Ein Schreiben des VEB Wasserversorgung und Abwasserbehandlung Halle, Betriebsbereich Wittenberg, vom 21. April 1975 nennt die geplante Endausbau-Belegungskapazität von 500 Kindern und kündigt eine Standortberatung für den 28. April 1975 an. Trinkwasser sollte über eine 5,4 km lange PVC-Druckrohrleitung NW 150 vom Hochbehälter Buchholz geliefert werden — die Trasse verlief parallel zur Ferngasleitung 802 Coswig–Körbien. Regenwasser sollte direkt in den Grünen Mühlbach abgeleitet werden, Schmutzwasser über eine vollbiologische Kleinbelebungsanlage in denselben Vorfluter ca. 120 m südlich des Geländes. Die Wasser- und Abwasserinfrastruktur entstand in dieser Form — auf 500-Kinder-Kapazität ausgelegt für ein Lager, das diese Belegungszahl nie erreichte.
Zur Wasserversorgung gehörte eine Druckerhöhungsanlage an der Trasse Radis–Parnitz, primär für das MfS-Objekt Thielenheide; das benachbarte Parnitz profitierte mit. Die Anlage hatte eine eigene kleine Trafostation 100 kVA (Typ Erfurt 3, ausgelegt auf bis zu 630 kVA Reserve, 15/0,4 kV), versorgt über eine 950 m lange Anschlussleitung NAKBA 3 × 185 mm² an die 15-kV-Freileitung.
Das parallel projektierte Gasversorgungs-Konzept (überarbeitet im Mai 1976 durch den VEB Projektierung und Technologie Halle, PB 3 Dessau, Nachtragsprojekt vom 12. Mai 1976 an die Sicherheitsinspektion des VEB Energiekombinat West) zeigt einen scharfen Sprung im Bedarf: 70 m³/h für die noch als Provisorium dienende ehemalige Jugendherberge plus rund 250 m³/h für die neue Kesselanlage — eine Verzehnfachung gegenüber der ursprünglich für die Bauphase beantragten Erstausstattung. Versorgt wurde das Objekt über einen 8 m langen Hochdruck-Anschluss NW 80 an die Ferngasleitung FGL 302, einen Gasreglerschrank Typ BS 300/25 vom VEB Gaselan Fürstenwalde (Druckreduzierung von 10 kp/cm² auf 200 mm WS) sowie Niederdruckleitungen NW 80 und NW 150 zu den Kesselstandorten.
1978: Baustopp zugunsten eines anderen MfS-Projekts
Die Rückseite eines Bauinvestitionsplans vom 22. August 1978 hält den Einschnitt in wenigen Zeilen fest:
Das Bauvorhaben KFL Parnitz wurde mit Wirkung von 1.7.1978 abstimmungsgemäß zugunsten des „Territoriallagers und Ausleihstützpunktes Süd” vorübergehend eingestellt. Es besteht die Absicht, die Fortführungsarbeiten zum Planbestandteil des Perspektivplanes 1981–85 zu erheben. Die nicht benötigten Mittel des Jahres 1978 in Höhe von 494,- TM werden mit vorliegender Mittelfreigabe frei gemeldet.
Ein anderes MfS-Vorhaben hatte Vorrang. Von den 6.060 TM des 2. Bauabschnitts waren bis dahin 1.442,2 TM verbaut worden.
1982: Vier Etappen — eine Vision, die nie realisiert wurde
Vier Jahre nach dem Baustopp formulierte die Abteilung Rückwärtige Dienste der BV Halle am 6. August 1982 eine neue Aufgabenstellung für das Kinderferienlager Parnitz mit dem Ziel, die Kapazität auf 200 Kinder + 20 Erwachsene zu erhöhen und ganzjährige Nutzung zu ermöglichen. Das Konzept gliederte sich in vier Etappen, die in ihrer Detailfreude nicht für ein Pionierferienlager, sondern für eine pädagogische Vollanstalt sprechen:
- Etappe 1: Heizleistungs-Erhöhung; Spielbereich mit Indianerdorf, Kegelbahn, Tischtennisplatten und Luftgewehrschießstand; Ausbau des Teiches zu Waldbad und Liegewiese
- Etappe 2: Aufstockung der beiden massiven Unterkünfte auf insgesamt 200 Kinderplätze; Neubau eines Heizhauses auf Festbrennstoffbasis; Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude mit 250-Portionen-Küche, 7 Wohnräumen und 7 Arbeitsräumen für die Lagerleitung, Mehrzwecksaal mit 250 Sitzplätzen
- Etappe 3: Medizinisches Gebäude mit Wartezimmer, Arzt- und Schwesternzimmer, Krankenzimmer, Isolierzimmer und 13 Zweibettzimmern für Sicherstellungskräfte; Appellplatz für Film- und Kulturveranstaltungen; Umfunktionierung des bisherigen Wirtschaftsgebäudes zu einem Pionierzentrum mit Räumen für Arbeitsgemeinschaften, Traditionskabinett und Lagerfunk
- Etappe 4: Garagenkomplex mit 2 P74, 1 B1000, 1 Multicar, Waschhalle, Werkstatt und Löschgeräten
Realisiert wurden später nur Teile von Etappe 1 (Badeteich) und Etappe 2 (Bungalowsiedlung statt Unterkunfts-Aufstockung, Mehrzweckgebäude statt Wirtschaftsgebäude) — beide stark verändert (→ Modernisierung 1983–87). Indianerdorf, Kegelbahn, Luftgewehrschießstand, Pionierzentrum und Garagenkomplex blieben Konzept-Papier. Eine Festbrennstoff-Heizungsanlage wurde 1983 nicht weiterverfolgt; stattdessen wurde 1985 die bestehende Gasanlage rekonstruiert und 1989 ein zusätzliches Gas-Heizhaus mit Stahlblechschornstein errichtet (→ Heizhaus 1989).
Was gebaut wurde — und was nicht
Vieles aus dem Plan wurde tatsächlich realisiert, wenn auch nicht immer im geplanten Umfang oder Zeitrahmen: die Lagerwache (Bungalow „Ziegelroda”), der Umbau der alten Försterei als Lagerleitung und medizinische Einrichtung, der Treppenhausanbau am Jagdhaus Rohrberg sowie der Aufbau einer touristischen Außenstation auf dem Gelände Forsthaus Thielenheide. Die heute als Unterkunfts- und Seminargebäude genutzten Neubauten entstammen ebenfalls dieser Epoche.
Was hingegen auf dem Planungspapier blieb, waren die Elemente, die neues Privatgelände erfordert hätten: das Freilichttheater mit 400 Plätzen und die vollständige Sportanlage mit Laufbahn, Sprunggrube und zwei Hartplätzen. Die Lageplanskizze zeigt sie nördlich der Unterkunftsgebäude — auf einem Areal, das nie erworben wurde.