Parnitz als wüste Mark — Kirchenvisitation Kemberg 1578
Die ältesten schriftlichen Spuren von Parnitz reichen mindestens bis ins 16. Jahrhundert zurück — und damit ist die forstwirtschaftliche Nutzung der heutigen Försterei nur das jüngste Kapitel einer viel älteren Siedlungsgeschichte. Die Quellenkette führt zwei Werke des Herausgebers Pallas zusammen: das Wüstungs-Inventar „Die Wüstungen in den Kreisen Bitterfeld und Delitzsch” — und das darin als Beleg zitierte Kirchenvisitations-Register von 1578 aus der von Pallas edierten Reihe Geschichtsquellen der Provinz Sachsen.
Was bedeutet „wüst” und „Wüstung”?
Eine Wüstung ist in der Siedlungsgeschichte ein aufgegebener, also „wüst gefallener” Siedlungs- oder Wirtschaftsplatz — ein Dorf, ein Vorwerk, eine Mühle oder eine landwirtschaftliche Flur, die im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit einmal bewohnt und genutzt wurde, deren Bewohnerinnen und Bewohner aber später ihren Ort verließen. Das Wort hat nichts mit „Wüste” im Sinne von Sand und Hitze zu tun, sondern leitet sich vom mittelhochdeutschen wüeste = leer, unbewohnt, verlassen ab.
Eine wüste Mark bezeichnet dabei nicht das verfallene Dorf selbst, sondern die zugehörige landwirtschaftliche Flur — also Felder, Wiesen, Wald, die nach dem Verschwinden des Dorfes von den Nachbargemeinden weiterbewirtschaftet wurden, ohne dass dort wieder gesiedelt wurde. Genau in diesem Sinn taucht Parnitz 1578 in den Kemberger Pfarrakten auf: nicht mehr als Dorf, sondern als Flur, deren Erträge an die Pfarrei abgegeben werden.
In Mitteldeutschland gibt es zwei große Wüstungs-Wellen:
- Spätmittelalter (14./15. Jahrhundert) — Pest, Klimaverschlechterung („Kleine Eiszeit”), Bauernabwanderung, Strukturwandel der Grundherrschaft.
- Dreißigjähriger Krieg (1618–1648) — Krieg, Hunger, Seuchen führten zu vielen Dorfaufgaben.
Da Parnitz bereits 1555 (Vergleichsdatum in der Visitations-Akte) und 1578 als wüste Mark geführt wird, kommt nur die erste Welle in Betracht. Das bewohnte Dorf Parnitz endete also vermutlich im 14. oder 15. Jahrhundert — und blieb dann bis zur Wiederbelebung als Forstplatz im 19. Jahrhundert siedlungsleer.
Was war Parnitz vor der Wüstung — und wann beginnt eigentlich „Forstwirtschaft”?
Forstwirtschaft im heutigen Sinn — also planmäßige, regulierte Bewirtschaftung mit Forstaufsicht, Schlagordnung und Verjüngungsplanung — existiert im mitteldeutschen 13. bis 15. Jahrhundert noch nicht. Forstwirtschaft als Institution entsteht erst sehr viel später: erste Forstordnungen im 16. Jahrhundert, systematische Forsteinrichtung mit Revierförsterei und geregeltem Hiebszyklus im 18. und 19. Jahrhundert.
Was die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner von Parnitz aber mit großer Sicherheit hatten, war eine intensive Waldnutzung als Teil ihrer gemischten Subsistenzwirtschaft:
- Bau- und Brennholz aus dem dörflichen Allmende- oder grundherrlichen Wald
- Hutewald — Schweine wurden in Eichen- und Buchenbeständen mit dem „Eckerich” (Eicheln, Bucheckern) gemästet
- Streunutzung — Laub, Nadeln und Moose als Stallstreu
- Imkerei (Zeidlerei) in Waldbienenstöcken
- Köhlerei und Pottaschegewinnung für lokale Eisen- oder Glashütten
- Jagdrecht — das lag beim Grundherrn, Wildschaden trugen die Bauern
Dass aus der wüstgefallenen Parnitzer Flur Jahrhunderte später ausgerechnet ein Forsthaus wurde, ist also kein Zufall. Wenn ein mitteldeutsches Dorf im 14. oder 15. Jahrhundert wüst fiel, blieb seine Flur nicht „leer”, sondern wurde fast immer auf zwei Wegen weitergeführt:
- Die Feldflur wurde von Nachbargemeinden weiterbewirtschaftet — wie das Kemberger Visitationsregister 1578 belegt: die wüste Mark wird verpachtet, die Witwe Wesin zinst Korn an die Pfarrei.
- Die Waldflächen gingen in den landesherrlichen Forst über. Ohne dauerhaft ansässige Dorfbewohner verschwand der Hutewald, die Heide breitete sich aus — die heutige Dübener Heide ist großenteils Kulturlandschaft, entstanden aus eben dieser Übernutzung und Aufgabe in der frühen Neuzeit —, und der Landesherr setzte später Forstpersonal zur Aufsicht ein.
Das „Forsthaus” Parnitz ist damit der späte Ausdruck einer langen Entwicklungslinie: mittelalterliches Dorf mit gemischter Land- und Waldnutzung → Wüstung → über Jahrhunderte landesherrliche Heide- und Forstfläche → mit Beginn der planmäßigen Forsteinrichtung im 18. und 19. Jahrhundert Bedarf an einem ständig besetzten Aufsichtsplatz → bauliche Anlage eines Forsthauses, das im Wohnplatzverzeichnis von 1875 erstmals amtlich greifbar wird.
Die Quellen
Pallas, „Die Wüstungen in den Kreisen Bitterfeld und Delitzsch” — Wüstungs-Inventar Nr. 28
Im Wüstungs-Inventar (Digitalisat der SLUB Dresden, Werk-ID 361105) führt Pallas auf Seite 374 unter laufender Nummer 28 explizit auf:
| Nr. | Name der Wüstung | Alte Namensformen | Flurlage der Wüstung | Literatur |
|---|---|---|---|---|
| 28 | Parnitz | Parnitz | Försterei Parnitz in der Thielenheide | Pallas I. 195 |
Damit ist eindeutig: Die heutige Förstereiflur entspricht der ehemaligen Dorfflur. „Thielenheide” ist die historische Bezeichnung für den nördlichen Teil der heutigen Dübener Heide rund um Thielenheide, Korgau und Söllichau. Der Literaturhinweis „Pallas I. 195” verweist auf die Primärquelle — Band I, Seite 195 der von Pallas edierten Visitations-Registratur:
Kirchenvisitation Kemberg 1578, Seite 195 — die wüste Mark Parnitz als Pacht- und Steuerquelle
Im Korn-Register der Parochie Kemberg, das die Einnahmen der Pfarrei systematisch nach Quellen aufschlüsselt, taucht Parnitz im Block „von wüsten Marken” auf:
Von wüsten Marken: von Oppin gibt der Rat 4 schfl.; von Parnitz die Donat Wesin 1 viertel; von Tschischwitz Alexander Fese und M. Lorenz Dehne je ½ schfl.; von Spreusen 2 schfl. die Niemick zu Wittenberg.
Das ist nicht nur ein Namensnachweis — es ist ein vollständiger Beleg der wirtschaftlichen Realität: Die Parnitzer Flur wurde im 16. Jahrhundert weiter bewirtschaftet, eine Pächterin — im Original „die Donat Wesin”, also die Witwe des Donat Wese (die typische frühneuzeitliche Form, in der eine selbständig wirtschaftende Frau über den Vornamen ihres verstorbenen Mannes und ihren Familiennamen in der Femininform „-in” geführt wurde) — zinste der Kemberger Pfarrei jährlich ein Viertel Scheffel Korn für ihre Nutzung. Die Aufstellung steht im direkten Vergleich zur Visitation von 1555, mit der die Daten — bis auf einzelne Ausnahmen — „übereinstimmen”. Parnitz war also spätestens 1555 wüst, vermutlich aber schon deutlich früher.
Verwechslungsgefahr — zwei Parnitz im Bitterfelder Land
Pallas führt unter Nummer 13 noch eine weitere Wüstung „Parnitz” im Kreis Delitzsch — bei Rackwitz, Kletzen und Biesen, also weit südlich von uns. Pallas selbst weist auf die Verwechslungsgefahr hin und nennt ausdrücklich „die Wüstung Parnitz östlich von Gräfenhainichen im Kreise Wittenberg” als eigene, davon zu unterscheidende Wüstung — das ist unsere. Beide Orte tragen den vermutlich slawischen Namen ohne genealogische Verbindung; das ist im mitteldeutschen Raum nicht ungewöhnlich.
Was wir daraus für das Archiv mitnehmen
- Die Siedlungsgeschichte des Ortes Parnitz reicht ins Hochmittelalter zurück — bewohnt als slawisches oder deutsches Dorf, dessen exakte Anfänge urkundlich (noch) nicht greifbar sind.
- Im 14./15. Jahrhundert wurde das Dorf wüst — vermutlich im Zuge der spätmittelalterlichen Wüstungswelle.
- Die Flur blieb landwirtschaftlich genutzt und gehörte verwaltungstechnisch zum Kemberger Pfarrgebiet. Die Pacht- und Zinsbeziehung ist 1555 und 1578 namentlich belegt.
- Eine kontinuierliche Wiederbesiedlung als Forstplatz kam erst Jahrhunderte später zustande — der amtliche Nachweis als „Forsthaus Parnitz” findet sich im Wohnplatzverzeichnis von 1875, das markante Jagdhaus Rohrberg entstand 1906.
Quellen zum Nachlesen
- Sekundärquelle: Pallas, Wüstungs-Inventar — „Die Wüstungen in den Kreisen Bitterfeld und Delitzsch”. Digitalisat: SLUB Dresden, digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/361105/1. Die hier relevanten Seiten als PDF:
- Primärquelle: Pallas (Hrsg.), Visitations-Registratur — Band I der Geschichtsquellen der Provinz Sachsen: „Die Registraturen der Kirchenvisitationen im ehemals sächsischen Kurkreise”, darin Ephorie Kemberg, Parochie Kemberg, Seite 195 (Visitation 1578). Digitalisat: THULB Jena, collections.thulb.uni-jena.de/receive/HisBest_cbu_00023217, Lizenz CC BY-NC-SA 4.0. Die hier zitierte Seite 195 als PDF: siehe „Dokument” unten.
Quelle: Sekundärquelle: Pallas, „Die Wüstungen in den Kreisen Bitterfeld und Delitzsch", Eintrag Nr. 28 „Parnitz", Flurlage „Försterei Parnitz in der Thielenheide". Digitalisat: SLUB Dresden, https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/361105/1. Primärquelle, dort als „Pallas I. 195" referenziert: Pallas (Hrsg.), „Die Registraturen der Kirchenvisitationen im ehemals sächsischen Kurkreise", Band I (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen): Die Ephorien Wittenberg, Kemberg und Zahna, Halle u. a., Seite 195 — Visitation 1578. Digitalisat: Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena, Signatur 8 Boruss.V,1 :41.2.1, https://collections.thulb.uni-jena.de/receive/HisBest_cbu_00023217 (CC BY-NC-SA 4.0).
